Geisterort Malo Grablje

Warum alle Bewohner dieses kroatische Dorf verlassen haben

Unweit vom glitzernden Zentrum der kroatischen Insel Hvar entfernt liegt Malo Grablje. Ein Geisterdorf, in dem bis vor rund 50 Jahren noch 180 Menschen lebten, bevor es alle wegen eines winzigen Wesens verließen. Was dahinter steckt – und warum ein einzelner Mann (teilweise) zurückkehrte.

Friederike Koenig Von Friederike Koenig

Es liegt gerade einmal eine halbe Stunde vom schillernden Zentrum Hvars mit seinen Jachten, Restaurants, Ateliers und Schmuckläden entfernt und doch taucht man in Malo Grablje in eine völlig andere Welt. Keine traurig-trostlose, wie man sie von so einem Geisterort erwarten mag, sondern in eine sehnsüchtige, hoffnungsvolle.

Rund 40 Jahre hat es niemand gewagt, zurückzukehren – bis Berti Tudor kam. Ein 48-jähriger Mann mit gebräunter Haut, schlabberiger Kleidung und rauchiger Stimme. Die dunklen Stellen in seinem Gesicht, so heißt es, sollen von einem Brand in seiner Kindheit stammen. Tudors Vater war damals der erste Dorfbewohner, der Malo Grablje verlassen hat.

Das erste Haus in Malo Grablje

Foto: Friederike Koenig

Schädling zerstörte Existenz der Bewohner

Grund dafür war die Reblaus, ein winziger, nur wenige Millimeter großer Schädling, der in den Weinfeldern Europas bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts wütete und ganze Landschaften zum Beispiel in Frankreich und Süddeutschland zerstörte. Als die Plage auch das Dorf Malo Grablje erreichte, die Weinreben und Lavendelfelder zerstörte und damit auch die Existenzen der Bewohner, mussten sie gehen. 23 Familien, 180 Menschen, zogen ins nahe gelegene Milna. Und obwohl sie nur zwei Kilometer, bestehend aus Schotterwegen und Berghängen von ihrem alten Zuhause trennten, kehrten sie nicht zurück, sondern bauten sich an der Küste ein neues Leben auf.

Die Mauern stehen noch, doch innen sind viele Häuser zerstört

Foto: Friederike Koenig

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Keiner will nach Malo Grablje

Heute verirren sich nur wenige Menschen nach Malo Grablje, die meisten Taxifahrer winken ab, wenn man sie bittet, dorthin zu fahren. Zu rutschig sei die Straße, zu gefährlich der Weg, sagen sie. Am Ende gibt es aber immer jemanden, der jemanden kennt, der es trotzdem macht – für einen Touristenpreis, versteht sich.

Vom Hafen Hvars führt der Weg am Meer vorbei Richtung Stari Grad, bevor man links in einen Schotterweg einbiegt und durch eine Schlucht mit Hunderten Olivenbäumen fährt. Während es mächtig schaukelt und ruckelt und die Zweige links und rechts an die Fensterscheiben peitschen, taucht schon bald das Ziel auf.

Pflanzen bahnen sich ihren Weg durch Fenster und Türen

Foto: Friederike Koenig

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Jährliches Wiedersehen im Dorf

Völlig abgeschieden vom Rest der Insel stehen hier am Hang einige Steinhäuser mit roten Dächern, die auf den ersten Blick so gar nicht verlassen aussehen. Zwar sind die Fensterläden der meisten Häuser geschlossen, doch ist das Mauerwerk an vielen Stellen so gut erhalten, dass man glauben könnte, die Bewohner wären nur kurz zum Einkaufen verschwunden.

Es gibt eine Wasserzisterne, und in einer Scheune steht eine riesige Olivenpresse. Die wunderschöne, kleine Kirche St. Theodor sieht von außen völlig unversehrt aus. Auf einem Schild davor steht geschrieben, dass die ehemaligen Dorfbewohner einmal im Jahr zum Gedenktag hierher kommen.

Die alte Olivenpresse

Foto: Friederike Koenig

Ein einziger Mann kehrte zurück

Läuft man auf dem steinigen Weg immer weiter den Berg hinauf, sieht man schon bald Ruinen. Ein-, zweistöckige Häuser, die wie ein Kartenhaus einfach in sich zusammengefallen sind. Pflanzen klettern durch die Löcher, wo einst Fenster und Türen waren. Es ist mucksmäuschenstill, nur ab und zu hört man ein Vögelchen zwitschern. Diese Ruhe wird gestört, als ein Mann wie aus dem Nichts auftaucht, seine Hände zu einer Pistole formt und Schieß-Geräusche macht: „Bum Bum, Peng Peng“, tönt es aus seinem Mund und hallt durch das sonst so leere Dorf.

Berti Tudor

Foto: Anita Arneitz

Es ist Berti Tudor. Er lacht, nimmt seine Hände herunter und verschwindet in einem Haus. Sein Elternhaus, wie er später bei einem Glas zuckersüßen Dessertwein erzählt. Und genau hier eröffnete er vor elf Jahren die Konoba Stori Komin. Ein kleines Restaurant für einige wenige Gäste, das von 16 bis 23 Uhr geöffnet hat.

Drinnen gibt es einen Kamin, Schwarz-Weiß-Fotos hängen an der Wand und auch sonst jede Menge Andenken an vergangene Tage. Hier werkelt und kocht Tudor: dalmatische Spezialitäten aus Rohschinken, Lamm und Kalb. Wer Fisch will, muss diesen vorab bestellen. Im Sommer kann man auf Holzbänken auf einer kleinen Terrasse sitzen. Wenn die Gäste weg sind, fährt auch Tudor zurück – nach Hause, nach Milna. Richtig wohnen will er in Malo Grablje nicht.

Das ehemalige Elternhaus von Berti Tudor ist heute ein kleines Restaurant

Foto: Anita Arneitz

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»Nicht von diesem Planeten

Tudor spricht Deutsch. Gelernt hat er es von seinen Gästen, wie er sagt. Auf die Frage, warum er zurückkehrte und ausgerechnet in einem verlassenen Dorf diese Konoba eröffnete, antwortet er: „Ich bin nicht von diesem Planeten.“

Ob auch andere, ehemalige Dorfbewohner zurück nach Malo Grablje kommen, ist unwahrscheinlich. Zwar munkelt man, ihnen sei Geld geboten wurden, doch das ist wohl nur so ein Insel-Gerücht, von dem man in Malo Grablje nichts wissen will.

Mancherorts sieht es so aus, als wären die Bewohner nur kurz verschwunden

Foto: Friederike Koenig

Diese Reise wurde unterstützt von der Kroatischen Zentrale für Tourismus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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