Deutsches WM-Camp als Luxus-Resort

Ein Jahr nach der WM: Was wurde aus dem Campo Bahia?

Ein Jahr ist es her, dass die Deutschen den WM-Titel aus Brasilien mit nach Hause brachten – und im Nordosten des Gastgeberlandes ein Luxus-Resort hinterließen: das Campo Bahia im kleinen Ort Santo André. Wohlhabende Touristen, am besten aus Deutschland, sollten hier urlauben und dem Ort Einnahmen bescheren. Doch bislang jedenfalls hält sich der Andrang in Grenzen. Warum nur?

Nuno Alves Von Nuno Alves

Wenn man nach den Bewertungen bei Tripadvisor geht, so ist das Campo Bahia die Nummer 1  unter den Hotels in der Gemeinde Santa Cruz Cabrália, zu der auch Santo André gehört. 4,5 von 5 Punkten hat das Resort dort. Doch die Konkurrenz lässt sich an einer Hand abzählen, gerade mal vier weitere Hotels sind für die ganze Gemeinde auf Tripadvisor gelistet. Ansonsten findet man nur „Pousadas“ (Pensionen) und Ferienwohnungen.

Selbst bei Brasilianern galt die Region vor der WM eher als Geheimtipp – und Santo André war touristisch praktisch unerschlossen. Gerade mal rund 800 Einwohner hat der Ort, und wer vom circa 30 Kilometer entfernten Flughafen in Porto Seguro anreist, muss eine Fähre nach Santo André nehmen.

Nur 400 Gäste im ersten Halbjahr

Gerade diese Abgeschiedenheit war auch einer der Gründe, warum der DFB hier sein WM-Camp baute – und wohl letztlich auch einer der Erfolgsfaktoren für den späteren Triumph. Nach der WM sollte das sich der Nachhaltigkeit verschriebene Campo Bahia für gut betuchte Touristen öffnen und dem Ort zu einem kleinen Boom verhelfen. Dass die Deutschen schließlich den Titel holten, war die Krönung für das Projekt.

#CampoBahia

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Ein Jahr nach dem Sieg gegen die Argentinier im Finale von Rio de Janeiro ist die Bilanz eher ernüchternd. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres habe man 400 Gäste gehabt, heißt es auf Nachfrage von TRAVELBOOK, und es wird betont, dass man damit für „das erste Halbjahr sowohl wirtschaftlich als auch seitens der Kundenakzeptanz vollkommen im Plan“ liege.

Die Auslastung habe bei etwas mehr als 40 Prozent gelegen. „Viele Gäste machen von der Möglichkeit Gebrauch, ganze Villen zu buchen.“ Der „spezielle Reiz“ des Campo Bahia sei es schließlich, „dass man hier mit seiner Familie oder seinen Freunden ein Haus gemeinsam bewohnen“ könne. 

Bei allem Optimismus, den die Betreiber des Resorts verbreiten, muss man dennoch davon ausgehen, dass man die Auslastung noch weiter verbessern muss, um mittelfristig wirtschaftlich zu bleiben.

Brasilianer wollen den 7:1-Strand sehen

Nun gehört es bei Hotel-Neueröffnungen meist dazu, dass man anfangs noch verhältnismäßig wenig Gäste hat, schließlich muss noch dafür geworben und entsprechende Angebote müssen bei den Veranstaltern platziert werden. Doch zumindest in puncto Bekanntheit hatte das Campo Bahia durch die deutsche Nationalelf von vornherein einen Vorteil.

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Bei den Brasilianern jedenfalls ist zumindest der Strand von Santo André, wo sich das deutsche Team entspannte, zu einer beliebten Sehenswürdigkeit geworden. Inoffiziell heißt er nun 7:1-Strand, es werden sogar Touren dorthin angeboten. Doch ein Blick auf den Strand und von außen auf das einstige WM-Camp reicht den meisten. Einen Urlaub hier zu verbringen, das kommt bislang noch wenigen Brasilianern in den Sinn. Auch, weil man lieber in Porto Seguro bleibt oder von dort aus in die hippen Orte Arraial d'Ajuda oder Trancoso im Süden reist.

Und die Deutschen? Eigentlich wäre doch anzunehmen gewesen, dass viele herkommen würden, um im Campo Bahia das WM-Feeling von Manuel Neuer, Philipp Lahm, Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger & Co. nachzuerleben. Doch dafür ist der Nordosten Brasiliens ohnehin kein Massenziel für deutsche Touristen.

Direktflüge von Deutschland nach Porto Seguro gibt es nicht. Wenn es jemanden in das Bundesland Bahia zieht, dann eher nach Salvador. Und letztlich sind die Preise im Campo Bahia ohnehin nichts für den Durchschnittsurlauber. Ein Doppelzimmer kostet ab 184 Euro die Nacht, die günstigste Villa startet bei fast 500 Euro, für die größte bezahlt man rund 1200 Euro. Wen zieht es also hierher?

Insgesamt 14 Villen mit 68 Suiten entstanden in Santo André

Foto: Campo Bahia

Was das Gästeaufkommen angehe, so sei dieses zwischen Brasilianern und Europäern „durchaus vergleichbar“, so Campo-Bahia-Direktor Dr. Roger Kalab zu TRAVELBOOK, „die aktuellen Reservierungs- und Buchungszahlen weisen nun einen stärkeren Trend aus dem Heimatland Brasilien auf, was uns sehr freut“. Bei der Küche hat man sich mittlerweile dem Trend angepasst. Statt des deutschen Kochs, der bei Tripadvisor Kritik einstecken musste, ist nun ein Brasilianer für die Küche verantwortlich. Dieser lässt auch etwas mehr lokale Elemente einfließen, was bei den Gästen gut ankommt. 

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Ohnehin scheinen die wenigen Gäste, die dort waren und anschließend auf Tripadvisor eine Bewertung abgegeben haben, sehr zufrieden zu sein. „Das Resort ist einfach göttlich“, schreibt ein Brasilianer. Und ein anderer: „Sehr angenehmes Hotel, luxuriöse und neue Einrichtung, perfekter Strand und Pool, sehr netter Service.“

Eine Villa im Campo Bahia

Foto: Campo Bahia

Was die Einwohner von Santo André angeht, so hatten sich viele von ihnen mehr erhofft. Und das obwohl das Resort neue Jobs schuf. Laut Angaben des Campo Bahia seien „etliche Mitarbeiter aus der lokalen Bevölkerung“ ständig im Resort beschäftigt, und es seien auch zahlreiche lokale Lieferanten und Betriebe erst durch das Hotel entstanden oder in ihrer Existenz gesichert worden.

Doch Tatsache ist auch, dass sich in puncto Infrastruktur kaum Veränderungen gab. Selbst der Handymast sei nach der Abreise der Deutschen wieder abgebaut worden, heißt es auf der Website des brasilianischen Fernsehsenders „Globo“.

„Wenn man ganz ehrlich ist, hat sich gar nichts getan“, heißt es auf telefonische Nachfrage in der Pousada Vila Araticum in Santo André – und plötzlich ist die Verbindung weg. Womöglich wegen des fehlenden Handymasts.

Erneuter Anruf in der Vila Araticum: Man scheut sich davor, die Deutschen dafür verantwortlich zu machen, man spürt, wie sehr die Einwohner das deutsche Team während der WM in ihr Herz geschlossen haben, entsprechend schiebt man die Schuld lieber auf die Fifa, die dafür hätte sorgen müssen, dass von den Milliarden-Einnahmen etwas an die Bevölkerung und in die Infrastruktur hätten fließen müssen. Gleichzeitig erzählt man TRAVELBOOK, bislang wisse man nichts von den versprochenen soziokulturellen Projekten, die das Campo Bahia versprochen hätte.

Auch Miki von der örtlichen Pousada Corsário sagt, sie habe in Santo André bis auf das neue Resort keine Veränderungen gesehen. Aber sie hofft, dass langfristig mehr Touristen nach Santo André kommen und neue Arbeitsplätze geschaffen werden, denn der Ort sei „sehr schön und sehr ruhig“ – perfekt für einen entspannten Urlaub.

Fragt man das Campo Bahia, so wird deutlich, dass es nie der Plan war, das Dorf radikal zu verändern. Bauherr und Eigentümer Dr. Christian Hirmer zu TRAVELBOOK: „Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir durch unser nachhaltiges Baukonzept den ursprünglichen Charakter des Fischerdorfs bewahren konnten und nun eben keine asphaltierten Schnellstraßen die Küste entlangführen.“ Man setze auf brasilianischen Küsten-Charme statt auf Massentourismus.

Einige Einwohner von Santo André wünschen sich, dass das Campo Bahia ein Museum für die Öffentlichkeit eröffnet

Foto: Campo Bahia

Einige Einwohner von Santo André jedenfalls wünschen sich, dass auf dem Trainingsgelände der Deutschen eine Art Museum entsteht, wie „Globo“ berichtet. Doch stattdessen ist der gute Fußballplatz abgesperrt und der von DFB und dem Campo Bahia für die Einwohner gebaute Platz verwahrlost, weil sich keiner um seine Instandhaltung kümmert. Kürzlich veröffentlichte die Facebook-Seite von Santo André Fotos des komplett unter Wasser stehenden Platzes.

E um ano depois da passagem da Seleção Alemã por nossa vila o campo de futebol da comunidade está assim... Existe um TAC...

Posted by Vila de Santo André on Montag, 29. Juni 2015

Manche, auch die örtlichen Behörden, machen das Campo Bahia dafür verantwortlich. Es sei beim Bau gepfuscht worden, heißt es. Und auch in der Vila Araticum sagt man deutlich: „Das war wirklich schlecht gemacht.“ Doch gegen den Vorwurf wehrt man sich: Der Fußballplatz sei ein Geschenk des DFB und des Campo Bahia an die Gemeinde gewesen, zitiert „Globo“ das Luxus-Resort.

Es seien tonnenweise Sand und Rasen hergebracht worden, die professionell eingesetzt worden seien. Anfangs habe man sich um die Pflege gekümmert, um den Platz der Gemeinde zu übergeben. „Dann wurde vereinbart, dass sich die Stadt Cabrália um die Pflege kümmert. Das ist nie geschehen.“ Wie so vieles nicht in Brasilien, das derzeit vor allem mit Korruption und einer tiefen Rezession zu kämpfen hat.

Hoffen, dass andere es für einen richten

Schon vor der WM waren Millionen Brasilianer auf die Straße gegangen, um gegen die Missstände zu demonstrieren. In Santo André hoffte man deshalb, dass die Deutschen in ihren Ort Fortschritt, Tugenden, Wohlstand bringen würden.

Aber auch das ist Brasilien: das Hoffen, dass andere es für einen richten werden. Am Ende hinterließen die Deutschen ein bislang noch wenig besuchtes Luxus-Resort, einige nicht erfüllte Versprechen, und nahmen das mit, was die Brasilianer am liebsten im Land behalten hätten: den WM-Titel.

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