Lastet auf der Galápagos-Insel Floreana ein Todesfluch?

Wie das Paradies für 5 Deutsche zur Hölle wurde

Nicht viele Touristen kommen nach Floreana. Denn auf der südlichsten Insel im Galápagos-Archipel soll ein Todesfluch lasten. Dafür sprechen allein die vier mysteriösen Todesfälle, die hier binnen kürzester Zeit zu beklagen waren. Und weitere sollten folgen.

Selten schreibt das Leben Geschichten, die so spannend sind, dass sie eigentlich nur aus der Feder eines Krimi-Autors oder Schriftstellers sein können. Die Geschichte von Floreana, der südlichsten Insel im Galápagos-Archipel, ist so eine und fährt wirklich alles auf, was die Unterhaltungsbranche sonst mühsam konstruiert: extravagante Protagonisten, ein exotisches Inselparadies als Schauplatz, erotische Verstrickungen, diverse mysteriöse Todesfälle, eine überschaubare Zahl von Verdächtigen und allerhand Rätselhaftes.

Die Protagonisten

Dore Strauch und Friedrich Ritter im Jahr 1932

Foto: USC Libraries Special Collections

Friedrich Ritter und seine Geliebte Dora Strauch waren die ersten auf der bis dato unbewohnten Insel. Sie kamen im Jahr 1929 aus dem badischen Wollbach und wollten hier ihren Traum von einem Leben fern der Zivilisation erfüllen. Friedrich Ritter, Jahrgang 1886 und ausgebildeter Arzt, hing seiner eigenen Naturphilosophie an: Er wollte beweisen, dass er ohne Fleisch auf dem Teller und Kleidung am Leib 140 Jahre alt werden könne. Um Karies und Co. vorzubeugen, ließen sich die beiden in Deutschland alle Zähne ziehen und ein Gebiss aus Edelstahl anfertigen, dass sie sich teilen wollten, für Notfälle. Interessant auch, das sowohl Ritter wie Strauch daheim ihre Ehepartner verließen, die wiederum ein Paar bildeten. Nun, das mit den 140 Jahren sollte Ritter nicht gelingen. Ebenso wenig der Fleischverzicht. Und auch die Liebe wurde brüchig. Aber dazu später.

Heinz Wittmer mit Baby Rolf, dem ersten auf Floreana geborenen Einwohner, Harry (Mitte) und Margret

Foto: USC Libraries Special Collections

Heinz Wittmer,  Jahrgang 1891, hatte in Köln im Sekretariat des Bürgermeisters Konrad Adenauer gearbeitet, als er fasziniert die Zeitungsartikel über Friedrich Ritter und seinen Aussteigertraum verfolgte und schließlich beschloss, mit seiner 14 Jahre jüngeren Frau Margret und deren Sohn Harry aus erster Ehe ebenfalls auf die Insel zu ziehen. Im August 1932 kamen sie nach Floreana und bezogen ein paar Höhlen auf einem Hügel – sehr zum Missfallen von Friedrich Ritter, der schließlich vor den Menschen geflohen war. Auch Dora Strauch, die sich im Gegensatz zu ihrem Mann nach anderen Menschen durchaus sehnte, war enttäuscht, schließlich war Margret Wittmer nur eine gewöhnliche Hausfrau – ein Lebenskonzept, das Strauch zutiefst verabscheute.

Die Baroness von Wagner (r.) mit ihre Liebhabern Robert Philippson (l.) und Rudolf Lorenz (Mitte)

Foto: USC Libraries Special Collections

Wenige Monate nach den Wittmers trat die Baroness auf den Plan. Zugegeben, ob die Dame um die 40 namens Eloise Wagner de Bousquet tatsächlich adelig war, darf bezweifelt werden – es geht auch das Gerücht um, dass sie Tänzerin in Konstantinopel war und zuvor Spionin im Ersten Weltkrieg –, aber sie gebärdete sich durchaus wie eine. In ihrem Gefolge: ihre beiden Liebhaber Rudolf Lorenz und Robert Philippson. Mit beiden Männern hatte sie zuvor eine Boutique in Paris geführt, jetzt wollten die drei ein Hotel für Millionäre auf Floreana aufbauen, eine Art „Miami für Galápagos“. „Hacienda Paradiso“ sollte das Hotel heißen.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf

Sorgte schon die Ankunft der Wittmers für Frust bei den Erstsiedlern, mit dem Erscheinen der Baroness und ihrer Liebhaber beginnt das eigentliche Drama. Denn die Dame war offenbar auf Krawall gebürstet: Sie beschlagnahmte Vorräte, kontrollierte die Post, okkupierte die Süßwasserquelle, fuchtelte mit Reitpeitschen und Pistolen, einen Dänen schoss sie in den Bauch. So abgöttisch wie sie von ihren Liebhabern geliebt wurde, so sehr gehasst wurde sie von den anderen Insulanern.

Doch auch in der Ménage-à-trois war die Welt nicht in Ordnung. Die Baroness behandelte den blonden Lorenz zunehmend wie einen Sklaven. Zusätzlich prügelte sein Rivale auf ihn ein. Immer öfter floh der Erniedrigte zu den Wittmers, wo er über sein Leid klagte und fürchtete, die Baroness und Philippson wollten ihn umbringen.

Posierte gern vor der Kamera: die angebliche Baroness

Foto: USC Libraries Special Collections

Auch unter den drei Frauen gab es Rivalitäten. So hatte es sich zum Beispiel Herr Wittmer angewöhnt, die Sonntage bei Dore Strauch zu verbringen, was Margret sicher gar nicht gefiel. Und obwohl der Arzt nicht müde wurde, seine tiefe Abneigung gegen die Baroness zu bekunden, hält er auf einem Foto doch einen Arm um sie und schaut sie fast liebevoll an.

Überhaupt hatte sich Ritter immer mehr von seiner Dore abgewandt. Von Liebe war bald keine Spur mehr. So wunderte sich etwa die Familie zu Hause in Deutschland, dass sich Ritter in seinen Briefen über seine Geliebte nur noch beschwerte und kein gutes Haar an ihr ließ. Auf der Insel mussten denn auch die anderen Bewohner immer häufiger Zeuge werden, wie der Arzt seine Gefährtin, die an Multipler Sklerose litt, gar misshandelte.

Floreana – auf den ersten Blick ein Paradies. Für fünf Deutsche wurde die Insel einst zur Hölle.

Foto: getty images

Eines Tages im März 1934 erschien die Baroness bei Margret Wittmer und erklärte, sie werde Floreana verlassen und in der Südsee neu anfangen. Tatsächlich verschwanden sie und Philippson noch am selben Tag – allerdings wohl nicht auf dem Seeweg: Ein Boot wurde in jenen Tagen nicht gesichtet. Und als die anderen Inselbewohner das Anwesen der Baroness aufsuchten, fanden sie alles unverändert vor. Sogar ihr Glücksbringer – das Buch „Das Bildnis des Dorian Gray“ – ohne den sie nie eine Reise antreten würde, lag neben dem gefüllten Aschenbecher auf dem Tisch.

Wenige Monate später verließ Lorenz die Insel, er wollte zurück nach Deutschland, und heuerte den Norweger Trygve Nuggerud an. An einem Freitag, den 13. stachen sie in See – und verschwanden ebenfalls spurlos. Im November erst fand man die fast mumifizierten Leichen der Männer auf einer unbewohnten Nachbarinsel. Sie waren offenbar verdurstet.

Historische Filmaufnahmen von Ritter, Strauch, der Baronin und ihren Liebhabern:

Als man die Männer fand, hatte sich auch auf der Insel die Zahl der Bewohner bereits weiter reduziert. Im November war der Vegetarier Dr. Ritter gestorben – an einer Fleischvergiftung. Zubereitet hatte das Hühnchen Dore Strauch, und dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein muss, ging schließlich auch dem Arzt im letzten Augenblick auf. Da das Gift sein Gesicht lähmte und er nicht mehr sprechen konnte, schrieb er seine letzten Worte auf einen Zettel: „Ich verfluche dich in meinem letzten Atemzug.“ Dore Strauch verließ nach dem Tod Ritters die Insel Richtung Deutschland, wo sie wenige Jahre später starb.

Auf einmal waren die Wittmers allein auf der Insel. Und natürlich drängt sich die Frage auf: Hatten sie die Morde an der Baroness und ihrem Lover begangen? War es eher Lorenz? Oder Ritter? Oder beide zusammen? Man weiß es nicht und wird es nie erfahren, auch wenn vieles für ein Komplott von Ritter und Lorenz spricht, sollten die beiden doch häufiger geäußert haben, dass man gegen die Baroness unbedingt vorgehen müsse. Ermittelt wurde in dem Mordfall indes nicht. Die Aussagen der Inselbewohner, die sich allerdings hier und da auch widersprechen, sind die einzige Quelle.

Nach Floreana kommen nicht viele Besucher, es heißt, auf der Insel laste ein Fluch

Foto: getty images

Es folgen weitere Todesfälle

Fakt ist, dass die mysteriösen Todesfälle weltweit für Aufsehen sorgten. So verfasste etwa der Schriftsteller Georges Simenon, der sich gerade in der Nähe aufhielt, einige Artikel über die Affäre, die im „Paris-Soir“ veröffentlicht wurden. Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt begab sich auf einer Südamerika-Reise eigens nach Floreana, um die Wittmers zu befragen. Und natürlich wurde in zahlreichen Zeitungen von der rätselhaften Geschichte berichtet – und aus Ermangelung an Fakten dabei natürlich die Fantasie bemüht. Immer wieder war von einem Fluch die Rede, der auf Floreana laste.

Da könnte tatsächlich etwas dran sein: Denn die Unglücksserie war mit den Ereignissen aus den frühen 1930ern lange nicht zu Ende. So ertrinkt Harry Wittmer 1951 bei einem Bootsunfall, gerade mal 33 Jahre alt. 1969 verschwindet der Ehemann von Ingeborg, Margrets Tochter, bei einem Jagdausflug, seine Leiche wird nie gefunden. Und als in den 60er-Jahren eine Gruppe amerikanischer Touristen ins Hochland wandert und eine der Frauen zurückbleibt, ward sie danach nie wieder gesehen.

Die Wittmer-Lodge am schwarzen Strand der Insel

Foto: tripadvisor

Margret Wittmer war am Ende die einzige, die wirklich alt wurde auf der Insel – insgesamt 68 Jahre lebte sie auf Floreana, 95 Jahre alt war sie, als sie 2000 starb. Und letztlich war sie es, die ein Hotel eröffnen sollte – wenn auch nicht für Millionäre: die Wittmer Lodge. Heute wird es von ihrer Tochter Floreana Ingeborg, heute 78 Jahre alt, betrieben, die allerdings ungern über die Ereignisse von damals spricht: „Lesen Se dat Buch meiner Mutter, da steht allet drin“, blaffte sie eine Autorin der „Welt“ an.

„Leider macht das Hotel einen etwas verkommenen Eindruck“, schreibt ein User auf Tripadvisor im April 2014, der die Wittmer Lodge besucht hat, „schon das Namensschild des Hotels ist kaputt. Unser Zimmer war dreckig, staubig, seit Tagen nicht geputzt. (...) Auch wenn das Restaurant akzeptabel war, hat der Feldwebelstil der Wittmer-Enkelin eher nicht zum Wohlbefinden beigetragen.“ Ein anderer hingegen befand das Hotel als einfach, aber sauber und lobte vor allem den Strand vor der Tür. „Die besondere Geschichte der Familie Wittmer, die das Hostel betreibt, tut ihr Übriges zur Besonderheit.“

Inzwischen wohnen etwa 100 Menschen auf Floreana

Foto: tripadvisor

Und das Buch der Hotelgründerin – Margret Wittmer, „Postlagernd Floreana – Erlebnisbericht deutscher Siedler“ – ist natürlich die beste Urlaubslektüre für einen Ausflug auf die Galápagos-Inseln, weshalb übrigens das Fremdenverkehrsamt es auch lange als Werbemittel einsetzte. Es ist vielleicht das erfolgreichste (weltweit wurde es zum Bestseller), aber nicht das einzige Buch, das über die Galápagos-Affäre geschrieben wurde. So hatte auch Dore Strauch vor ihrem Tod ihre Erinnerungen niedergeschrieben. Und zahlreiche Schriftsteller ließen sich von den Vorfällen auf Floreana inspirieren.

Zuletzt kam diese unglaubliche Geschichte denn auch endlich auf die große Leinwand: als Zweistunden-Doku mit prominenter Beteiligung. So liest Cate Blanchett Passagen aus dem Buch der Dore Strauch. Diane Krüger spricht Margret Wittmer, und Sebastian Koch zitiert aus den Briefen von Friedrich Ritter. 2014 lief der Film „Galapagos Affair“ auf der Berlinale.

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Der Trailer zum Film:

Gleich zu Beginn wird hier übrigens die Erklärung für die Tragödie auf Floreana geliefert.  Schuld waren vermutlich – die Galápagos-Schildkröten: Nach einer Legende würden diese nämlich jeden mit einem Fluch belegen, der mit bösen Absichten auf die Inseln kommt.

Mit den Galápagos-Schildkröten ist nicht zu spaßen

Foto: getty images

Anreise: Zwei Stunden braucht die Fähre „Luna Azul“ von Puerto Ayora auf der Hauptinsel Santa Cruz bis nach Floreana. Zweimal im Monat steuert die „Silver Galapagos“ die Insel an, für wenige Stunden.

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