Terrorangst, Putschversuch, Ausnahmezustand

Die Geisterstrände der Türkei

Es ist nicht lange her, da waren die türkischen Strände rappelvoll, nun sind sie geradezu verwaist. Eine Momentaufnahme. Plus: die Konsequenzen für deutsche Urlauber.

Strahlende Sonne, 30 Grad, knallblauer Himmel, glitzerndes Mittelmeer, gewaltige Bergkulissen, freundlicher Service, günstige Preise – und dennoch herrscht triste Leere an den Stränden von Antalya.

Leere Liegen, ungenutzte Sonnenschirme, verzweifelte Hotelbesitzer – das ist die deprimierende Realität an den traumhaft schönen Stränden der Türkei. Die Terroranschläge, der Putschversuch und nun auch noch der Ausnahmezustand schrecken die Touristen ab, die noch im vorletzten Sommer in Scharen ans Mittelmeer strömten. 2014 war ein Rekordjahr für die türkische Tourismuswirtschaft: Fast 40 Millionen Besucher kamen und ließen mit rund 35 Milliarden Euro die Kassen klingeln.

„Ich war fast der einzige Gast“

Viele Massenziele erinnern nun an Geisterstrände. „Es war unheimlich leer, schon vor dem Putschversuch“, sagt eine Urlauberin aus Berlin, die regelmäßig Strandurlaub in der Türkei macht, zu TRAVELBOOK. „Zeitweise war ich fast der einzige Gast im Hotel. Die Leute haben mir Leid getan. Ich wurde bedient wie eine Königin und hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich natürlich nicht annähernd so viel Trinkgeld geben kann, um den ganzen Gästemangel auszugleichen.“

Vollkommen leer steht unter anderem das Hotel Türkiz in Kemer

Foto: dpa picture alliance / Marius Becker

Der Putschversuch und der Ausnahmezustand haben die Situation noch verschärft. „Der Tourismus in Antalya ist am Boden“, sagt zum Beispiel Basak Yilmaz, Barbesitzerin am eigentlich so beliebten Lara Beach. Hier wartet alles auf Besucher: Der Rasen wird gesprenkelt, die hölzernen Wege über dem heißen Sand sind gefegt. Während in Ankara der Nationale Sicherheitsrat und das Kabinett unter Leitung von Staatspräsident Erdogan die Verhängung des Ausnahmezustandes für drei Monate vorbereiten, stehen in Antalya die Liegen bereit. Mit einem Handtuch reserviert ist keine.

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Mitleid am Strand

Für Birol Baykal bedeutet das Wegbleiben der Menschen „30 Prozent weniger Lohn in diesem Monat.“ Wenn er nicht gerade mit Touristen spricht, hat er Sorgenfalten im Gesicht. Er wirbt für Wassersport, wie auch der 27-jährige Halil, der gerade mit seinen zwei Kollegen am Stand die Zeit totschlägt. „Die Situation ist echt schlecht.“

Leere Strandliegen stehen am Strand von Antalya

Foto: Marius Becker

Vanja und Gert Wöllhaf, einige der wenigen Gäste, die auf den zumeist leeren Liegestühlen faulenzen, blicken zu den Männern hinüber. Ihnen täten die Leute leid, die den Touristen alles böten, was das Herz begehre: „Das ist eine Katastrophe für das Land, eine Katastrophe für die Leute“, sagt Gert Wöllhaf. Die Baden-Württemberger lassen es sich gutgehen. Verunsichert seien sie nicht - irritiert habe lediglich, als in der Nacht zum Samstag plötzlich das Internet weg war. „Einfach stillgelegt“, sagt Wöllhaf. Dann kam die SMS aus Deutschland. „Wie geht's euch?“ „Wir haben unseren Freunden geantwortet: Uns geht es gut, Panzer sind auch noch keine durchgefahren.“ Wöllhaf lacht.

Im leer stehenden Hotel Türkiz in Kemer ist die Atmosphäre trostlos

Foto: dpa picture alliance / Marius Becker

Die Angst der Ulauber

Die, die am Strand liegen, sind entspannt. Doch viele sind gar nicht erst gekommen: Die staatliche Flughafenbehörde meldete für die erste Hälfte des laufenden Jahres einen Rekordrückgang der Zahl der Passagiere in Antalya von 47 Prozent im Vergleich zu 2015. Und schon 2015 erlebte der Tourismus Einbrüche, unter anderem im Zuge des Syrienkrieges, des  wiederaufflammende Kampfes mit der kurdischen PKK und des Konfliktes zwischen Erdogan und dem russischen Präsidenten Putin.

Auch eine Umfrage unter Deutschen spricht Bände: Die wenigsten geben an, dass sie die Türkei für ein sehr sicheres Reiseland halten. Jeder dritte Befragte sagt sogar: Die Türkei sei „sehr gefährlich“.

Nur eine Handvoll Touristen hatten diesen Sommer Lust auf Türkei-Urlaub, wie hier in Kemer bleiben die meisten Liegen leer

Foto: dpa picture alliance / Marius Becker

Dabei ist in Antalya eigentlich alles wie vor dem Putschversuch. „Hier ist alles ruhig, Sie brauchen keine Angst haben“, sagt auch Taxifahrer Mehmet auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt. Er vertraue Staatspräsident Erdogan, der von so vielen Seiten kritisiert werde. Und schließlich seien Ankara, Istanbul oder der unruhige Südosten der Türkei Hunderte Kilometer entfernt. Thema sind die Ereignisse dennoch überall.

So voll wie auf diesem Archivfoto des Cleopatra Beach in Alanya waren in der Hochsaison früher die meisten Strände der Türkei

Foto: dpa picture alliance

Viele fühlen sich im Stich gelassen

Spricht man mit den Menschen in Antalya und Kemer, hört man eines immer wieder: Dass sie erwartet hätten, dass sich Deutschland solidarischer zeigt. „Einen Freund lässt man nicht im Stich“, sagt etwa Hamamcioglu. Viele fühlen sich im Stich gelassen,  auch von den einstigen Touristen.

Aber nur wenige leugnen, dass die Probleme zu suchen sind. Dass es die angespannten Umstände und die politische Lage ist, die die Menschen in diesem Sommer eher nach Griechenland oder Spanien treiben. Offen darüber sprechen wollen die meisten aber nicht.

2013 in Kemer: Türkei-Urlauber drängen sich am Strand. Auch im vorletzte Sommer blühte die  türkische Tourismusindustrie

Foto: dpa picture alliance

Urlauber im Ausnahmezustand

Der Ausnahmezustand, der in der Türkei seit Mittwoch gilt, hat auch für Urlauber Konsequenzen. Es können kurzfristig überall Ausgangssperren verhängt und auch Personenkontrollen durchgeführt werden, erklärt das Auswärtige Amt. Es empfiehlt Reisenden, immer einen gültigen Ausweis dabei zu haben.

Reisende haben durch den Ausnahmezustand aber nicht grundsätzlich das recht dazu, kostenlos von gebuchten Reisen in das Land zurückzutreten: Dies sei allgemein kein Umstand höherer Gewalt, sagt der Reiserechtler Paul Degott aus Hannover. Er bezieht sich dabei vor allem auf die Badeorte der Türkei.

Rücktrittsrecht für Städtereisen

In Istanbul und Ankara ist die Situation besonders. Hier rät das Auswärtige Amt Reisenden nach dem Putschversuch außerdem zu äußerster Vorsicht: Im Zweifelsfall sollen sie in ihre Hotels zurückkehren. Für diese Städte schätzt auch Reiserechtler Degott die Lage anders aus: Hier gehe er schon davon aus, dass man Städtereisen etwa nach Istanbul nun wegen höherer Gewalt absagen könne.

Die großen Reiseveranstalter wie Tui und Thomas Cook hatten ohnehin schon vor der Bekanntgabe des Ausnahmezustands Reisenden die Möglichkeit eingeräumt, Städtereisen nach Istanbul für Abreisen bis zum 31. Juli kostenfrei umzubuchen oder zu stornieren.

(mgr)

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