Die aggressive Strategie von Boss Temel Kotil

Wie Turkish Airlines die Welt erobern will

Der Gegenwind für Lufthansa wird immer brutaler. Nicht nur die Streik-Piloten bereiten der deutschen Airline zurzeit Sorgen, auch die Konkurrenz wird aggressiver. Etihad will Air Berlin schlucken, und Turkish Airlines macht sich in Deutschland immer breiter. Die Türken wollen die beste, größte, bekannteste Airline der Welt werden. Und dafür ist Turkish Airlines fast jedes Mittel recht. Mehr Verbindungen, mehr Service, niedrige Preise: Wie Turkish Airlines in den kommenden Jahren die Nummer eins werden will.

Wer über die Zukunft von Turkish Airlines sprechen will, muss zunächst einen Blick in die Zahlen der vergangenen Jahre werfen.

Beförderte die Airline 2003 gerade mal 10,4 Millionen Passagiere, waren es 2013 bereits 48,3 Millionen. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der angeflogenen Ziele von 103 auf 241, die Flotte wuchs von gerade mal 54 Maschinen auf 233. Allein von 2012 auf 2013 konnte das halbstaatliche Unternehmen ein Umsatzplus von 27 Prozent verzeichnen. Gleichzeitig konnte  der Marktanteil innerhalb der europäischen Fluggesellschaften auf 12,8 Prozent gesteigert werden.

Dieses Wachstum, das die marktüblichen Trends übertrifft, wirft die die Frage auf: Wohin soll die Reise für Turkish Airlines noch gehen? Und wie viel Wachstum traut sich das Unternehmen noch zu? Die Antwort: offenbar noch eine ganze Menge.

„Seit meinem ersten Tag als CEO von Turkish Airlines ist es meine Vision, sie zur besten Fluggesellschaft der Welt zu machen, in jeglicher Hinsicht“, erklärte Temel Kotil, seit 2005 Chef des Unternehmens, dem Magazin „Gulf Business“. Wenn es nach ihm geht, dann soll das hochgesteckte Ziel bereits 2023 Wirklichkeit werden, zum 100. Geburtstag der türkischen Republik.

Temel Kotil: „Wir stehen im Wettbewerb mit uns selbst“

Um die Nummer eins zu werden, ist nicht nur guter Wille und effizientes Management erforderlich. Turkish Airlines agiert am Markt wie die angriffslustige Konkurrenz vom Golf (Etihads, Qatar, Emirates), obwohl die Linie mit der Lufthansa in der Star Alliance zusammengeschlossen ist.

Am Luftfahrt-Himmel wird es immer enger. Und Leidtragende sind Airlines wie Lufthansa, die nicht auf staatliche Unterstützung hoffen können.

Das konsequente Besetzen von Routen, der rasante Ausbau des Streckennetzes, das konstant niedrig gehaltene Preisniveau, unter anderem in der Business Class, der schnelle Ausbau der Flotte – das alles übt einen enormen Druck auf die Konkurrenz aus.

Kotil sagt zum Thema im „Gulf Business“ etwas vereinfacht: „Wir stehen im Wettbewerb mit uns selbst, nicht mit anderen. Wenn wir Passagieren günstigere und bessere Leistungen anbieten, dann werden sie uns wählen.“

Lernen, Preise unterbieten, Marktanteile gewinnen

Die Aufnahme in die Star Alliance, zu der auch Lufthansa gehört, war eine Art Katalysator für die Professionalisierung der türkischen Fluggesellschaft. Durch die Mitgliedschaft habe das Team von Turkish Airlines Kontakt zu „sehr guten Firmen“ bekommen, was hilfreich für das Management gewesen sei, wie Kotil einmal im Interview mit dem Magazin „Airline Business“ erklärte. Das habe dazu geführt, dass internationaler gedacht wurde. Zudem sei durch die Star Alliance ein Qualitätssprung erreicht worden.

Vereinfacht lässt sich die Strategie so darstellen: Mithilfe von Kooperationen wird an der Qualität gearbeitet. Dann gilt es, die Preise zu unterbieten, um Marktanteile zu gewinnen.

Turkish Airlines wird zur Gefahr für die Lufthansa

Lange Zeit war auch Lufthansa ein strategisch wichtiger Partner für Turkish Airlines. Doch seit die Fluglinie, die hier einst vor allem von in Deutschland lebenden Türken genutzt wurde, zunehmend auch klassische Lufthansa-Verbindungen bedient, sind aus Partnern vor allem wieder Wettbewerber geworden.

„Lufthansa und Turkish Airlines fliegen in Zukunft getrennt“, titelte TRAVELBOOK im Herbst 2013. Hintergrund: Zum März 2014 war seitens der Lufthansa das Codesharing-Programm gekündigt worden, das es beiden Airlines ermöglichte, Gemeinschaftsflüge anzubieten. Zudem lockerte das deutsche Unternehmen die Meilen-Kooperation, sodass Lufthansa-Kunden bei Flügen mit Turkish Airlines nur noch 25 Prozent der Statusmeilen erhalten.

Eine fast schon sanfte Reaktion auf die Expansionspläne von Turkish.

Eine von den Gewerkschaften Ver.di, Vereinigung Cockpit, der Flugbegleiterorganistion UFO und dem Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Schluss, dass deutsche Airlines bei der Wettbewerbsfähigkeit den Anschluss verlieren. Folge: Stellenabbau droht.

Lufthansa vs. Turkish Airlines: Aus Partnern sind Wettbewerber geworden, die um Marktanteile kämpfen

Foto: Corbis

Die Strategie: Schneller Ausbau des Streckennetzes

Der Konkurrenzkampf scheint auf den ersten Blick fast aussichtslos für Lufthansa. Waren es anfangs vor allem noch hochprofitable Routen, greift Turkish Airlines zunehmend auch auf weniger gewinnträchtigen Strecken an. Zum Beispiel Kassel-Calden, das die meisten Airlines als unrentabel erachten, aber offenbar nicht Turkish. Noch in diesem Jahr sollen von dort Linienflüge nach Istanbul angeboten werden. Von dort wiederum könnten die wichtigsten Ziele weltweit angesteuert werden.

Und dann sind da auch exotische Ziele wie Masar-e Sharif in Afghanistan und Mogadischu , Somalia. Destinationen, die andere Linien (noch) meiden.

Fast hat man den Eindruck, als sei es für Turkish Airlines in erster Linie wichtig, eine Route zu besetzen, ganz gleich, ob sie auch hohe Profite verspricht. Wo andere Fluglinien – wenn überhaupt – eher auf Partnerschaften setzen, steuert Turkish Airlines die Ziele selbst an. Und wenn dann doch mal eine Allianz geschlossen wird, wie etwa kürzlich mit Singapore Airlines ein Codesharing-Programm, dann liegt die Vermutung nahe, es diene nur zur Überbrückung eines Zeitraums, bis man in der Lage ist, die Verbindungen aus eigener Kraft anzubieten.

Drehkreuz Istanbul als Schlüssel

Einer der Faktoren für den rasanten Wachstum von Turkish Airlines ist der Flughafen Istanbul. Die geografisch günstige Lage der Metropole ermöglicht es der Fluggesellschaft, Routen sowohl nach Europa als auch nach Afrika oder Asien anzubieten – und das teilweise innerhalb eines Radius, der kaum vier Stunden Flugzeit erreicht.

„Würde man bei Turkish die Langstreckenflüge abziehen, so wären immer noch die Kurzstreckenverbindungen für sich allein profitabel“, sagt Kotil in „Airline Business“. Gemeint sind eben jene Kurzstrecken-Ziele, die unter anderem via Istanbul angesteuert werden können.

Dennoch will Turkish Airlines auch auf Langstrecken expandieren, und hat dabei auch den amerikanischen Kontinent im Blick. Der Fokus liege aber, gibt Kotil im Interview mit „Airline Business“ zu, auf Afrika, den GUS-Staaten und dem Mittleren Osten.

Ein wichtiger Schritt, um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, die größte und beste Airline der Welt zu werden, ist der Bau des neuen Flughafens von Istanbul. Der soll, wenn er einmal seine volle Auslastung erreicht, der größte des Planeten sein und ein Passagieraufkommen von 150 Millionen bewältigen. Schon zur Teileröffnung 2017 sollen von hier 70 Millionen Passagiere starten oder landen, besser gesagt: zwischenlanden und von Istanbul zu egal welchem Ziel in der Welt fliegen – am besten mit Turkish Airlines.

Turkish-Airlines-Maschinen am Atatürk-Flughafen in Istanbul. 2017 soll er geschlossen werden, dann soll der neue Airport in Teilen eröffnen

Foto: Corbis

Wie schafft es Turkish Airlines rentabel zu sein?

Ein Grund für den Erfolg von Turkish Airlines ist, dass das Unternehmen seine Leistungen verhältnismäßig günstig anbieten kann, was nicht nur mit der geringen Reparaturbedürftigkeit der modernen Flugzeug-Flotte zusammenhängt, sondern vor allem auch mit den niedrigen Lohnkosten für Mitarbeiter in der Türkei.

Als ein Meilenstein gilt zudem das Jahr 2006, als der türkische Staat 51 Prozent seiner Anteile an Turkish Airlines verkaufte und somit die Kontrollmehrheit abgab. Eine Entscheidung förderte das unternehmerische Handeln. Dennoch: Der Staat hält mit 49 Prozent noch immer einen riesigen Anteil an Turkish Airlines, entsprechend sollte man seinen Einfluss nicht unterschätzen. „Wir konzentrieren uns mehr auf Afrika, also konzentriert sich auch die türkische Regierung mehr auf Afrika“, sagte Kotil „Airline Business“.

Den Satz könnte man aber auch leicht umdrehen. Welcher Unternehmer mag schon gern zugeben, dass seine Entscheidungen von der Regierung beeinflusst werden? Die Interessen von Turkish Airlines und die des türkischen Staates dürften aber, so zumindest kann man es ausdrücken, größtenteils Hand in Hand gehen.

Wo Turkish Airlines gut angebunden ist, wird auch der türkische Staat besseren Zugang finden; das Luftnetz schafft die Infrastruktur für den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen – mit Afrika, Asien, und natürlich auch Europa.

Und so hilft der Staat Turkish Airlines, zwar nicht unmittelbar finanziell, aber zumindest bei der Schaffung idealer Rahmenbedingungen, etwa mit dem schnellen Bau des Flughafens oder am Arbeitsmarkt.

International und konservativ

Die Internationalität und Weltoffenheit, die Turkish Airlines außerhalb der Türkei zeigt, steht allerdings im Gegensatz zum teils restriktiven und konservativen Verhalten im eigenen Land. So etwa wird auf Inlandsflügen in der Türkei kein Alkohol mehr serviert. Das Unternehmen begründet dies offiziell mit mangelnder Nachfrage, näher an der Wahrheit scheint jedoch die Interpretation zu sein, das Unternehmen setze die Politik der konservativen Regierung um Recep Erdogan um.

Auch sorgte vergangenes Jahr eine Meldung für Wirbel, wonach Flugbegleiterinnen auffälliges Make-up untersagt und „züchtige“ Kleidung verordnet werden sollte. Das Unternehmen ruderte dann teilweise zurück. Ein Beigeschmack bleibt jedoch.

Den will Kotil an Bord aber tunlichst vermeiden, und setzt bei Langstreckenflügen auf „Flying Chefs“, fliegende Köche, die im Flugzeug ein Restaurant-Gefühl vermitteln sollen.

Der Service entstand in Partnerschaft mit der Catering-Firma Do & Co. aus Österreich, die auch den Formel-1-Zirkus bekocht.

Die Turkish-Airlines-Lounge am Flughafen Istanbul gilt als eine der besten weltweit

Foto: Turkish Airline

Lionel Messi als Werbefigur

Obwohl die Zahlen für Temel Kotil und das Unternehmen sprechen, weiß der smarte Boss, der sich gern lächelnd zeigt: Am Ende zählt nur, wie langfristig der Erfolg ist. Der Service muss stimmen. Und die Anstrengungen wurden belohnt: 2013 wurde Turkish Airlines auf Basis einer großen Kundenumfrage der Beratungsfirma Skytrax zur besten Fluglinie Europas gekürt. 

Auch in puncto Marketing will das Unternehmen ganz oben mitspielen. Als Werbefigur holte sich Turkish Airlines denn auch nicht irgendwen: Die Linie schnappte sich den besten Fußballer der Welt, Lionel Messi vom FC Barcelona. Der ist bekanntermaßen schnell, erfolgreich, überall auf dem Feld präsent, angriffslustig. So wie es auch Turkish Airlines sein will.

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