Turbulenzen während des Flugs

Wie gefährlich ist es eigentlich, wenn der Flieger plötzlich absackt?

Wenn ein Flugzeug plötzlich absackt, ist das für Passagiere eine äußerst unangenehme Erfahrung. Ursache für derartige Vorfälle, die nicht selten vorkommen, sind Turbulenzen im Luftraum. TRAVELBOOK ist der Frage nachgegangen, wie solche Luftverwirbelungen entstehen, ob man sie vorab erkennen kann – und ab wann es wirklich gefährlich wird.

Angelika Pickard Von Angelika Pickardt

Wie es sich anfühlt, wenn ein Flugzeug Turbulenzen durchfliegt, haben viele Flugreisende selbst schon erlebt: Eben noch flog die Maschine vollkommen ruhig durch den Himmel. Doch plötzlich ist ein Ruckeln zu spüren, erst gering, dann immer stärker, die Anschnallzeichen leuchten auf. Besonders unangenehm wird es, wenn das Flugzeug völlig unvermittelt in ein Luftloch gerät und absackt. 

Zum Glück ist der Spuk in den meisten Fällen schnell wieder vorüber. Manchmal aber sind die Turbulenzen so heftig, dass Gegenstände durch die Kabine fliegen oder sogar Fluggäste verletzt werden. Diese bittere Erfahrung mussten im vergangenen Jahr etwa die Passagiere eines American-Airlines-Flugs über Japan machen: Während ihres Flugs von Seoul (Südkorea) nach Dallas in Texas saßen sie gerade beim Abendessen, als die Boeing 777  absackte und plötzlich heftig zu wackeln begann. Videos aus dem Flieger zeigen, wie Fluggäste panisch schreien und weinen.

Etwa 20 Minuten lang wurde die Maschine durchgeschüttelt und sackte mindestens einmal stark ab. Getränke, Essen und andere Gegenstände flogen durch die Kabine. Einige Passagiere gerieten in Panik, eine Frau und ein Flugbegleiter wurden schwer verletzt, zwölf weitere Personen leicht.

Wie entstehen Turbulenzen?

Turbulenzen sind vertikale Verwirbelungen der Luft, die auf meteorologische Phänomene zurückgehen, wie Luftfahrt-Experte Heinrich Großbongardt auf TRAVELBOOK-Nachfrage erklärt. „Im Gewitter entstehen Turbulenzen durch das enge Nebeneinander von Zonen mit schnell aufsteigender warmer Luft (bis zu 180 km/h senkrecht!) und absinkender kalter Luft.“ Auch in Bodennähe gibt es Verwirbelungen der Luft bei stürmischen Winden, hervorgerufen durch Bergzüge, Wälder und Gebäude.

„Außerdem gibt es Turbulenzen durch Flugzeuge, die vorneweg fliegen“, sagt Felix Gottwald, der als Pilot bei der Lufthansa Cargo arbeitet. „Man muss zu einem großen A380 einen höheren Abstand einhalten als etwa zu einer kleineren Boeing 737.“

Was Piloten aber am meisten fürchten, sind sogenannte Clear Air Turbulences (CAT), die in Höhen zwischen 7.000 und 12.000 Metern auftreten und von den Passagieren als „Luftlöcher“ wahrgenommen werden. „Sie entstehen an der Grenzfläche zwischen starken Höhenwinden mit verschiedener Richtung und Stärke“, erklärt Großbongardt. Und ergänzt: „Da ist natürlich kein Loch, sondern das Flugzeug sackt in dem Abwind nur um ein paar Meter nach unten.“

Bei Turbulenzen handelt es sich um vertikale Verwirbelungen der Luft

Foto: Getty Images

„Das Unberechenbare an dieser Art Turbulenzen ist, dass sie unangekündigt auftreten“, sagt Cornelia Cramer vom Luftfahrt-Bundesamt (LBA). Das bedeutet: Die Piloten können sie nicht auf dem Wetterradar erkennen und werden auch nicht durch bestimmt Wolkenformationen gewarnt.

Wie gefährlich sind Turbulenzen?

Bei schweren Turbulenzen läuft vor dem inneren Auge vieler Passagiere schon das Horror-Szenario eines Absturzes ab. Doch ein solcher Extremfall sei sehr unwahrscheinlich, sagt Luftfahrt-Experte Großbongardt. „Man braucht keine Angst zu haben, dass ein Flugzeug durch Turbulenzen auseinander bricht, auch wenn die Flügelspitzen und Triebwerke unter Umständen ziemlich stark wackeln. Dafür sind sie gebaut. Zudem ist das Durchbiegen der Flügel eine Art Federung, die dem Komfort dient.“ 

Gefährlich seien Turbulenzen aber vor allem für Passagiere, die nicht angeschnallt sind, und für deren Umgebung. „Wenn das Flugzeug durchsackt, hängen sie plötzlich an der Kabinendecke, um dann im nächsten Moment mit aller Wucht auf Sitze oder den Kabinenboden zu krachen. Knochenbrüche und Rückgratverletzungen sind häufig die Folge.“ Immer wieder komme es sogar zu Todesfällen, sagt Großbongardt.

Das oberste Gebot für Fluggäste ist also: Anschnallen! Und zwar nicht nur während Start und Landung. „Das LBA rät den Passagieren, während der gesamten Flugdauer immer angeschnallt zu bleiben – auch wenn die Anschnallzeichen ausgeschaltet worden sind. Das ist die effektivste Methode für Passagiere, sich vor Verletzungen zu schützen“, sagt LBA-Sprecherin Cramer.

Kann man Turbulenzen vorher erkennen?

In vielen Fällen können Wetterdienste die Abwindzonen bestimmen, über die dann die Piloten im Rahmen der Flugvorbereitung, zu der auch die Einholung der Wettervorhersage für die  geplante Flugroute gehört, informiert werden“, erklärt die LBA-Sprecherin. Piloten können bevorstehende Turbulenzen manchmal auch an der Wolkenbildung erkennen. Und sollten bereits vorausfliegende Maschinen dieselbe Turbulenz durchflogen haben, gibt es unter Umständen Vorwarnungen. „Die Flugbesatzung entscheidet je nach Stärke der Turbulenz, diese zu durchfliegen oder das Gebiet zu verlassen“. In letzterem Fall nimmt der Pilot eine Höhenänderung vor, da Turbulenzen schneller vertikal als horizontal verlassen werden können.

Für die extrem starken CAT gibt es allerdings, wie oben schon erwähnt, keinerlei Vorwarnung. „Die Piloten können sie nicht auf dem Wetterradar erkennen und werden auch nicht durch bestimmt Wolkenformationen gewarnt“, sagt Luftfahrexperte Großbongardt. „Man weiß aus Erfahrung zwar, wo sie vorkommen können, und die Wetterkarten, mit denen sich die Piloten vor dem Flug informieren, enthalten Hinweise, in welchen Regionen man mit CAT rechnen muss, aber wirklich vorhersagen oder vorher erkennen kann man sie nicht.“

Warum sind Flugbegleiter oft nicht angeschnallt?

Als Passagier erlebt man – abgesehen von Start und Landung – selten, dass auch die Flugbegleiter angeschnallt auf ihren Plätzen sitzen. Treten allerdings schwere Turbulenzen auf oder sind zu befürchten, wird der Service an Bord auf Geheiß des Flugkapitäns abgebrochen. „Aber auch das dauert seine Zeit, weil ja zunächst alles sicher verstaut werden muss, um die Passagiere nicht zu gefährden“, erklärt Heinrich Großbongardt. Die Fluggäste würden immer etwas früher gewarnt, weil es einige Zeit dauern könne, bis alle ihre Plätze eingenommen hätten. „Wenn durch Turbulenzen im Reiseflug Menschen zu Schaden kommen, sind leider häufig Flugbegleiterinnen darunter, die zum Beispiel noch mit dem Verstauen der Servierwagen beschäftigt waren. Das ist ein wesentlicher Teil ihres Berufsrisikos.“

Laut einer Statistik des Luftfahrt-Bundesamtes wurden im Jahr 2014 von deutschen Luftfahrtunternehmen insgesamt 74 Störungsmeldungen angezeigt, die im Zusammenhang mit Turbulenzen stehen – deutlich mehr als noch im Jahr 2013 (43). Im Mai 2014 etwa geriet ein Airbus A321 der Lufthansa auf dem Flug von Frankfurt nach Wien in so schwere Turbulenzen, dass ein Passagier und eine Flugbegleiterin verletzt wurden.

Dass eine Maschine wie im Fall des American-Airlines-Flugs aufgrund von Turbulenzen unplanmäßig landen muss, kommt jedoch äußerst selten vor. In Japan herrschten zu diesem Zeitpunkt schwere Schneestürme mit heftigem Wind, fast 300 Flüge mussten der japanischen Nachrichtenagentur Jiji Press zufolge gestrichen werden.

TRAVELBOOK Escapes – kostenlos anmelden und bis zu 70 Prozent beim Urlaub sparen.