Stockholm-, Lima- oder Paris-Syndrom...

Diese Orte sind echt krank

Manche Metropole dieser Welt steht nicht nur für ihre Sehenswürdigkeiten, sondern auch für ein bestimmtes Syndrom oder eine Krankheit. Und so denkt man bei Stockholm immer auch an Geiselnehmer, bei Jerusalem an verwirrte Jesus-Imitatoren und bei Paris: an enttäuschte Japaner mit Schnappatmung. TRAVELBOOK über berühmte Städte und ihre Krankheitsbilder.

Wenn eine neue Krankheit oder ein Virus entdeckt wird, nennt man diese nicht selten nach dem Ort, wo sie zuerst auftraten. Für die Städte und Regionen eine zweifelhafte Ehre, fördert das zwar die Bekanntheit des Ortes, nicht aber unbedingt das Image. So wird Marburg im Ausland oft in erster Linie mit den fiesen Viren in Verbindung gebracht und sehr viel seltener mit dem hübschen Uni-Städtchen, das es doch eigentlich ist. Und wer an Stockholm denkt, assoziiert damit mitunter auch Geiselnehmer. TRAVELBOOK über „echt kranke” Orte. In Teil 1 ist die Ursache psychischer Art.

Das Stockholm-Syndrom

Im August 1973 kam es in der schwedischen Hauptstadt zu einem Überfall auf eine Bank. Fünf Tage waren die vier Bankangestellten in der Gewalt der Geiselnehmer, doch danach empfanden sie keinerlei Hass gegenüber ihren Peinigern. Im Gegenteil: Sie waren ihnen sogar dankbar dafür, freigelassen worden zu sein, baten um Gnade für die Geiselnehmer und besuchten sie sogar im Gefängnis. Bis heute beschreibt das Stockholm-Syndrom ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen, mit ihnen sympathisieren, gar kooperieren. Und der Ort des Geschehens, die Bank am Norrmalmstorg, einem Platz im Stockholmer Stadtteil Norrmalm, ist seitdem ein beliebtes Ausflugsziel von Schweden-Touristen.

Hier am Norrmalmstorg im Stadtteil Norrmalm kam es einst zu der Geiselnahme, bei der das Stockholm-Syndrom erstmals beobachtet wurde

Foto: getty

Weitere Sehenswürdigkeiten in Stockholm finden Sie hier

Das Helsinki-Syndrom

Manchmal bekommt eine Stadt ein Syndrom aufgebrummt – und kann wirklich überhaupt nichts dafür. Das Helsinki-Syndrom zum Beispiel ist eine Erfindung von Hollywood: In den Filmen „Stirb langsam“ und „Knockin’ on Heaven’s Door“ sowie in der Serie „Akte X“ wird es erwähnt, gemeint ist aber das Stockholm-Syndrom (siehe oben). Aber von Hollywood aus betrachtet, sind sowohl die finnische als auch die schwedische Hauptstadt ziemlich weit weg, da kann man beide schon mal verwechseln. In verschiedenen Foren sorgen die Filmszenen aber immer noch für viel Irritation. James Bond hingegen weiß, wie es richtig heißt, so spielt das Stockholm-Syndrom in „Die Welt ist nicht genug” eine nicht unbedeutende Rolle.

Völlig zu unrecht wird Helsinki mit dem Geiselnehmer-Syndrom in Verbindung gebracht

Foto: getty

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Das Lima-Syndrom

Allerdings handelte es sich bei 007 am Ende doch nicht um das Stockholm-Syndrom, sondern um dessen Gegenteil: das Lima-Syndrom. Hier sympathisieren die Geiselnehmer mit den Geiseln. Erstmals diagnostiziert wurde es 1996 nach einem Überfall auf die japanische Botschaft in der peruanischen Hauptstadt. Und in „Die Welt ist nicht genug“ bekommt es seine wohl schönste Interpretation: Denn hier verliebt sich der Kidnapper Renard (Robert Carlyle) in seine Geisel Electra King (Sophie Marceau) – aber bei dem „La Boom“-Bond-Girl würde vermutlich auch der abgebrühteste Geiselnehmer schwach werden.

Wer jemals in Lima war, glaubt gern, dass man in dieser Schlechtwetterstadt krank wird, doch beim gleichnamigen Syndrom geht es erneut um Geiselnahmen

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Das Stendal-Syndrom

Zugegeben, hier haben wir ein bisschen gemogelt. Zwar gibt es das Stendhal-Syndrom, aber das ist natürlich nicht nach der Stadt in Sachsen-Anhalt, die man bekanntlich ohne h schreibt, sondern nach dem französischen Schriftsteller Stendhal benannt. Aber da dieses ein Phänomen beschreibt, das vor allem bei Touristen diagnostiziert wird, darf es hier nicht fehlen. Das Stendhal-Syndrom beschreibt Panikattacken, Wahrnehmungsstörungen und wahnhafte Bewusstseinsveränderungen, die auf „kulturelle Reizüberflutung“ zurückzuführen sind. Eine solche erfuhr nämlich der empfindsame Dichter, als er sich auf seiner „Reise in Italien” (1817) nach der Besichtigung der florentinischen Kirche Santa Croce in eine panische Begeisterung hineinsteigerte, die zu einem regelrechten Wahnzustand führte.

Ob einen das Stendhal-Syndrom auch in Stendal ereilen kann? Zwar gibt es auch hier Kultur, aber eine „Reizüberflutung” dürfte kaum zu befürchten sein

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Das Venedig-Syndrom

Richard Wagner und Thomas Mann sind wohl schuld am Mythos der Lagunenstadt als perfektes Ziel einer letzten Reise. Fakt ist, dass sich in Venedig überdurchschnittlich viele Ausländer das Leben nehmen. Die Psychologin Diana Stainer hat vor einigen Jahren das Venedig-Syndrom untersucht und 25 Selbstmord-Touristen, die gerettet werden konnten, gefragt. Bei den Betroffenen handelte es sich in der Mehrzahl um Singles, Durchschnittsalter 40 Jahre, sie kamen aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien und den USA. Und während die Frauen eine Überdosis Schlaftabletten im Hotelzimmer nahmen, stürzten sich die Männer eher aus dem Fenster oder von der Rialto-Brücke in den Canale Grande.

„Tod in Venedig”, „Wenn die Gondeln Trauer tragen” – der Stadt eilt ihr morbider Mythos voraus

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Das Paris-Syndrom

Hiervon sind vor allem Japaner betroffen, die nach Paris kommen und von dem Widerspruch zwischen ihrer überhöhten Erwartung an die Stadt und den realen Gegebenheiten vor Ort mental komplett überfordert werden – was zu Wahnzuständen führen kann, zu Halluzinationen, Paranoia, Angst, Schwindel, Schwitzen und vielem mehr. So sei ein Mann etwa der Überzeugung gewesen, er sei Ludwig XIV., während eine Frau felsenfest glaubte, von Mikrowellen attackiert zu werden. Pro Jahr sollen zwischen zwölf und 100 Fälle am Paris-Syndrom erkranken, die japanische Botschaft in Paris spricht von 20 bis 24 „gravierenden Fällen“ pro Jahr.

Wer ganz bestimmte Vorstellungen von der Stadt der Liebe hat, kann schon mal enttäuscht werden – vor allem, wenn man aus Japan kommt

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Das Jerusalem-Syndrom

Es ist die bekannteste aller Städtekrankheiten und bezeichnet eine psychische Störung von Jerusalem-Reisenden, bei der sich der oder die Betroffene vollständig mit einer heiligen Person aus dem Alten oder Neuen Testament – Mose, Maria, Jesus – identifiziert und glaubt, diese tatsächlich zu sein. Deshalb hüllt man sich in weite Gewänder oder Bettlaken und fängt mitten auf der Straße an, zu predigen. Erstmals diagnostiziert wurde das Jerusalem-Syndrom Anfang der 1980er von dem israelischen Arzt Yair Bar El, der danach über 400 Betroffene in der psychiatrischen Klinik „Kfar Shaul“ behandelte. Bei dem Syndrom handelt es sich allerdings – wie übrigens bei den meisten anderen Städte-Syndromen auch – nicht um eine anerkannte Diagnose.

Diese Stadt macht offenbar tatsächlich krank, etwa 100 Jerusalem-Reisende jährlich zeigen Symptome des Jerusalem-Syndroms

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Lesen Sie in Teil 2, warum Marburg, Philadelphia und die Toskana „echt krank” sind.

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