Nach der Aufregung in Brasilien

Wie fies war der Fifa-Knigge wirklich?

Erst sorgte ein sexistisches T-Shirt von Adidas für Empörung, jetzt verärgert ein Touristenratgeber der Fifa die WM-Gastgeber. Denn dieser strotze nur so vor Klischees, zeige die Brasilianer als unpünktlich, ungeduldig und chaotisch. Die Fifa sah sich gezwungen, sofort zu reagieren und löschte die Tipps aus dem Internet. TRAVELBOOK hat sie dennoch gefunden und unter die Lupe genommen. Unser Klischee-Check.

Kaum ein Land, das mit so vielen Klischees zu kämpfen hat wie Brasilien. Denn auch, wer noch nie da war, hat ganz bestimmte Bilder im Kopf, sobald die Sprache auf die Brasilianer kommt. Darauf sieht man halbnackte Schönheiten am Strand und Ballkünstler im Stadion. Man sieht Caipis, Karneval, die Copacabana. Und auch die Drogenbosse mit ihren Waffen dürfen auf der Klischee-Collage nicht fehlen.

Wer einen Ratgeber für Brasilien schreibt, hat vor diesem Hintergrund vor allem eine Aufgabe: ein bisschen aufräumen mit den Klischees und zeigen, wie es wirklich ist. Und natürlich: wertvolle Tipps geben, die helfen, den Kulturunterschied zu überwinden – und unversehrt wieder heimzukommen.

Nichts anderes wollte der Fußball-Weltverband Fifa mit seinen „Zehn Tipps zur Vermeidung jeglicher kultureller Missverständnisse” in ihrer Publikation „The Fifa Weekly”. Doch der Schuss ging nach hinten los. Denn die Brasilianer, die hier als unpünktlich, chaotisch und ungeduldig dargestellt werden, fühlten sich komplett missverstanden – und äußerten heftige Kritik.

Die Fifa reagierte prompt auf die Vorwürfe und löschte die Seite im Internet, jedoch nicht ohne sich vorher zu verteidigen: „Das Ziel war, die entspannte Lebensweise in Brasilien darzustellen. Das Material sollte Fröhlichkeit vermitteln und überhaupt keine Kritik an Brasilien sein”, ließ man verlauten.

Doch wie böse war der Fifa-Knigge wirklich? TRAVELBOOK hat die Seite aus dem Internet gefischt und die einzelnen Tipps unter die Lupe genommen. Hier unser Klischee-Check.

1. Ja heißt nicht immer ja

Fifa: ...sondern in Brasilien oft auch einfach nur „vielleicht“. Man sollte also nicht damit rechnen, dass der andere, der verspricht, einen bald anzurufen, das auch tatsächlich tut. Und erst recht nicht bald.
Travelbook:
Das ist natürlich kein schlechter Tipp, um generell Enttäuschungen zu vermeiden – auch wenn das in vielen anderen Ländern auch so ist. Aber wir würden gern noch ergänzen, dass umgekehrt ein nein (não) aber bitte auch als nein zu verstehen ist – und unterstützen damit gern die Bemühungen der brasilianischen Regierung gegen Sexismus und Sextourismus.

2. Zeit ist flexibel

Fifa: „Pünktlichkeit ist in Brasilien nicht gerade eine Wissenschaft”, schreibt die Fifa. Wer sich also 12.30 Uhr verabredet, dürfte mit dem anderen frühestens um 12.45 Uhr rechnen.
Travelbook:
In der Tat kommt es oft vor, dass Brasilianer nicht wirklich pünktlich sind. Allerdings: Davon sollte man keineswegs ausgehen. Vor allem bei offiziellen Terminen herrscht in der Regel Pünktlichkeit. Und wenn sich Brasilianer mit Deutschen verabreden, von denen sie ja wissen, dass diese nicht nur fleißig, sondern auch pünktlich sind, sind sie allein schon aus Gastfreundschaft oft zur vereinbarten Zeit da.

3. Körperkontakt

Fifa: Distanz ist nicht angesagt. Brasilianer mögen Körperkontakt und wenn sie reden, tun sie das auch mit den Händen, mit welchen sie den anderen auch schon mal berühren. In Nachtklubs, so schreibt die Fifa, kann es sogar vorkommen, dass man einfach im Gespräch geküsst wird – was man dann aber bitte nicht falsch interpretieren sollte. Ein Kuss sei in Brasilien eine Form der non-verbalen Kommunikation – und keine Einladung, tatsächlich weiter zu gehen.
Travelbook:
Die Sache mit dem Kuss mussten wir mehrmals lesen – und haben sie immer noch nicht verstanden. In welchem Land war der Autor doch gleich?

Keine Sorge, der will nur knutschen: Laut Fifa hat ein Kuss in Brasilien nichts zu bedeuten. Aha.

Foto: Getty Images

4. Schlange stehen

Fifa: Sich ordentlich in eine Schlange einreihen liege dem Brasilianer nicht. „Brasilianer bevorzugen ein kultiviertes Chaos” schreibt die Fifa, und: „Geduld ist nicht in den Genen der Brasilianer”.
Travelbook:
Klischee-Alarm! Vor allem diese Passage erregte die Gemüter in Brasilien. Natürlich darf man den Brasilianern nicht vorwerfen, das Chaos zu lieben – schließlich soll zur Fußball-WM im Sommer doch alles reibungslos verlaufen.

5. Zügeln

Fifa: Wer am Abend in eine Churrascaria geht – das „All-you-can-eat”-Grillrestaurant der Brasilianer – sollte am besten 12 Stunden vorher nichts zu sich nehmen. Und beim Essen sich dann nur kleine Portionen servieren lassen. Denn: Das beste Fleisch kommt ganz zum Schluss.
Travelbook:
Diese Tipps finden wir äußerst wertvoll – und möchten noch hinzufügen: Unbedingt in eine Churrascaria gehen! Nur Vegetarier und Veganer sind entschuldigt.

6. Survival of the biggest

Fifa: Auf den Straßen würden Fußgänger in der Regel ignoriert. Selbst am Zebrastreifen halten Autos oft nicht an. Und unter den Autofahrern selbst hat meistens derjenige Vorfahrt, der einfach das dickere Auto fährt.
Travelbook:
Auch wenn hier natürlich verallgemeinert wird und es durchaus auch besonnene Autofahrer gibt: Diese Tipps können Leben retten!

7. Acai probieren

Fifa: Die Beeren aus dem Amazonasgebiet wirken Wunder, sie verhindern Falten und bringen auch müde Fußballer wieder auf die Beine.
Travelbook:
Wir stimmen uneingeschränkt zu: unbedingt Acai probieren! Und wenn der erste Löffel nicht schmeckt, nicht gleich aufgeben. Man muss sich erst an den Geschmack gewöhnen.

Acai macht müde Männer munter – und auch sonst ist der Brei aus der Beere ein vielseitiges Wundermittel

Foto: Getty Images

8. Oben Ohne

Fifa: Das ist verboten – auch wenn die Bikinis hier so knapp sind wie nirgendwo sonst auf der Welt: Barbusig legen sich die Brasilianerinnen nicht in die Sonne. Wer das hier trotzdem tut, muss mit Geldstrafen rechnen.
Travelbook:
Bitte befolgen!

9. Kein Spanisch, bitte

Fifa: Wer glaubt, mit seinem Schulspanisch in Brasilien weiterzukommen, wird auf taube Ohren treffen. Und wer Buenos Aires als Hauptstadt Brasiliens bezeichnet, wird ausgewiesen.
Travelbook:
Ja, man kann gar nicht oft genug sagen, dass man in Brasilien nun mal Portugiesisch spricht und nicht Spanisch. Und die Hauptstadt Brasiliens heißt natürlich nicht Buenos Aires, aber übrigens auch nicht Rio, sondern Brasília. Allerdings stimmt es nicht, dass die Brasilianer dicht machen, wenn sie Spanisch hören. Im Gegenteil: Man versteht das. Schließlich wohnt man in Südamerika inmitten von Nachbarn, die alle Spanisch sprechen, und wenn die sich treffen, redet man in einem Mischmasch aus Portugiesisch und Spanisch miteinander, was man hier auch scherzhaft Portaniol nennt.

10. Geduld haben

Fifa: „In Brasilien werden viele Dinge erst in letzter Minute erledigt” und das träfe auch auf die Fußballstadien zu, die immer noch nicht fertig sind. Aber am Ende, so schreibt die Fifa auch, werde alles gut, sprich: doch noch fertig.
Travelbook:
Diese Passage war der zweite Stein des Anstoßes in diesem Text. Fakt ist, dass die meisten WM-Stadien tatsächlich noch nicht fertig sind und die Zeit knapp wird. Dass die Brasilianer natürlich nicht gern darauf hingewiesen werden – das ist verständlich.


Unser Fazit

Viele der Tipps sind gar nicht mal so verkehrt, einige sogar lebensnotwendig – und in jeder anderen Zeitschrift, die ein bisschen aufklären, aber vor allem unterhalten will, wäre der Text völlig in Ordnung. Nur halt nicht in einer Publikation der Fifa. Dort sollte man politisch korrekt bleiben, Polemik ist fehl am Platz.

Zumal die Brasilianer diesbezüglich eine sehr dünne Haut haben: Vor gut zwei Jahren nämlich sorgte Generalsekretär Jérôme Valcke weltweit für Aufsehen, als sich der Franzose wegen der sich abzeichnenden Probleme bei der Fertigstellung der Arenen für „einen Tritt in den Hintern” der Brasilianer aussprach. Das war nicht nett – unter anderem ja auch, weil man beim Hintern der Brasilianer ja schon wieder bei den Klischees wäre. Aber, lassen wir das...

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Wussten Sie, dass...

... es in Rio im Jahr 1947 einen Anti-Bikini-Verein gab? Noch 1961 ließ Brasiliens Präsident Janio Quadros den Bikini verbieten.


... der brasilianische Schönheitsmarkt nur noch hinter den USA und Japan liegt? Seit 2010 kann man die Kosten für die meisten plastischen chirurgischen Eingriffe, auch medizinisch nicht notwendige, von der Steuer absetzen.


... vieles, wofür wir Brasilien kennen und lieben, einst ein Diktator zur Nationalkultur erklärt hat? Getúlio Vargas war es, der die brasilianische Identität in den 1940er-Jahren definierte – zum Beispiel über den Samba, den Fußball und die Feijoada, den deftigen Bohneneintopf.


... um die Zusammensetzung der Kautschuksohle der Havaianas so ein Geheimnis gemacht wie um das von Coca Cola oder Nutella? Die brasilianische Gummisandale wurde 1962 erfunden und galt als „Sandale der Armen“. Ihr ohnehin niedriger Preis wurde in den 1980ern von der Regierung sogar kontrolliert, so wie der von Reis und Bohnen und anderen Waren des täglichen Bedarfs. In den 1990ern wurde die Schlappe schließlich hipp – erst in Brasilien, bald auf der ganzen Welt.


... die erste Favela Brasiliens in Rio entstand? Ehemalige Rekruten des großen Canudos-Feldzugs von 1897 ließen sich auf einem Hügel Rios nieder und benannten ihn nach einer Anhöhe in Bahia: Alto da Favela. Favela wiederum heißt eine dornige Pflanze, die dort wuchs.


... der Strand in Brasilien ein öffentliches Gebiet ist und für alle zugänglich sein muss? Laut einem Gesetz von 1831 gilt das für den Streifen von 33 Metern landeinwärts – und zwar auch für Hotelstrände oder auf Privatinseln. Einzige Ausnahme: Marinegebiet.


... Brasilien nach Nigeria die zweitgrößte dunkelhäutige Bevölkerung der Welt hat?


... es in São Paulo wohl das beste Sushi außerhalb Japans gibt? Vor mehr als hundert Jahren wanderten die ersten Japaner nach Brasilien ein, heute sind 1,5 Millionen Brasilianer japanischer Abstammung. Das Viertel Liberdade in São Paulo gilt als das Zentrum japanischer Kultur in Brasilien.


... Brasilien laut Umfragen zu den Ländern gehört, die am meisten Zeit für Sex verwenden? Der Gesundheitsminister José Gomes empfahl sogar Geschlechtsverkehr gegen Bluthochdruck, Diabetes und Cholesterin.


Bloss nicht...

... wunschlos nach Salvador de Bahia fahren. Denn kaum ist man da, wird einem schon ein buntes Bändchen um das Handgelenk gebunden, die sogenannte „fitinha“ – und zwar mit genau drei Knoten, wobei jeder für einen Wunsch steht, den man in diesem Moment für sich formulieren sollte. Wer dann keinen hat, steht dumm da. In Erfüllung gehen die Wünsche allerdings erst, wenn sich das Band von selbst vom Handgelenk löst. Und das kann eine Weile dauern.

... gleich aufgeben, sollte es mal schwierig werden. In Brasilien gibt es nämlich immer einen „jeitinho“, einen Ausweg – nicht immer legal, zuweilen listig, immer aber: typisch brasilianisch.

... die Sicherheitshinweise in Ihren Reiseführern ignorieren. Trotz vieler Verbesserungen in den letzten Jahren ist Kriminalität nach wie vor ein großes Problem in Brasilien. Am besten nie viel Bargeld mitnehmen und Kreditkarten und Schmuck im Hotelsafe lassen.

... die Sicherheitshinweise in Ihren Reiseführern ignorieren. Trotz vieler Verbesserungen in den letzten Jahren ist Kriminalität nach wie vor ein großes Problem in Brasilien. Am besten nie viel Bargeld mitnehmen und Kreditkarten und Schmuck im Hotelsafe lassen.

... unaufmerksam durch Brasília bewegen. So schön die Gebäude von Oscar Niemeyer auch sind: immer auch auf die Straße achten! Denn diese Stadt wurde nun mal nicht unbedingt für Fußgänger, sondern in erster Linie für Autofahrer gebaut – und die geben hier ordentlich Gas, Zebrastreifen werden in der Regel ignoriert.

... am Strand auf das Bikini-Oberteil verzichten. Brasilianerinnen stehen zwar auf knappe Bademode, aber oben ohne gilt außerhalb der Karnevalssaison als Erregung öffentlichen Ärgernisses.


Sicher durch Brasilien – 8 Tipps

Europäer scheuen sich aus Angst vor Armut und Kriminalität oft vor einer Reise nach Brasilien. Dabei hat das Land wichtige Maßnahmen getroffen, um die Sicherheit seiner Bürger und auch der Urlauber zu gewährleisten, z. B. wurden in Rio viele „Favelas“ befriedet, sodass sie mittlerweile selbst für Touristen als sicher gelten.

Dennoch sollten Sie in Brasilien einige Dinge beachten:

1. Nicht mit wertvollem Schmuck und teuren Accessoires (Spiegelreflexkameras) behangen Städte erkunden oder am Strand spazieren gehen.

2. Kleiden Sie sich am besten bescheiden: Sandalen, T-Shirt, (kurze) Hose.

3. Nehmen Sie immer etwas Bargeld mit, zwischen umgerechnet 20 und 50 Euro, um bei einem Überfall nicht mit leeren Händen dazustehen.

4. Ziehen Sie in Städten Metros den Bussen vor.

5. Erkundigen Sie sich vorher, in welcher Gegend sich Ihre Pension oder das Hotel befindet, lesen Sie Bewertungen und Erfahrungsberichte im Internet.

6. Meiden Sie nachts dunkle Gassen, besonders in größeren Städten.

7. Wenn Sie vorhaben, mehr zu trinken, sorgen Sie dafür, dass jemand dabei ist, der Sie sicher in ein Taxi setzen kann.

8. Sollten Sie jemals überfallen werden, verhalten Sie sich ruhig und tun Sie das, was von Ihnen verlangt wird.


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