Den Riesen ganz nah

Die Weltkarte der Walbeobachter

Für viele ist es ein Lebenstraum: einmal Wale in freier Wildbahn erleben. Und für mehr als 13 Millionen Menschen im Jahr erfüllt er sich – mit Kamera und Fernglas starten sie zum Whale Watching auf den Gewässern der Welt. TRAVELBOOK erklärt, wo man den riesigen Meeressäugern am besten begegnen kann, welche Arten es gibt und warum Organisationen wie Greenpeace eigentlich gar nicht gegen Whale Watching sind.

Von Sira Huwiler

Das Motorboot braust durch die Wellen. Plötzlich hebt die Kamera ab, macht eine Fahrt gen Himmel und offenbart den Blick auf eine riesige Delfin-Schule, die rasant durchs Wasser sprintet. Immer wieder tauchen einzelne Tiere auf und ab, die Kamera folgt den Meeressäugern. Die Rückenflossen lassen die See aufschäumen. Schnitt.

Drei Grauwale schwimmen dicht über der Wasseroberfläche – sie schweben durch den Ozean, die Kamera schwebt über ihnen, hält fest, wie sie beinahe graziös ihre Schwanzflossen bewegen und aus ihren Luftlöchern pusten. Sie schweben weiter und immer weiter. Schnitt.

Eine Buckelwal-Kuh mit ihrem Kalb, das zum Atmen die Schnauze aus dem Wasser streckt. Die Kamera ist nah dran. Die Meeresgiganten fühlen sich trotzdem unbeobachtet. Das Kalb dreht sich im Wasser, schmiegt sich an seine Mutter, reibt sich an ihrem wuchtigen, glatten Körper. Das Meer ist ganz still. Schnitt.

Das sind Szenen aus dem meistgesehenen Youtube-Video zum Stichwort  „Whale Watching“ (deutsch: Walbeobachtung). Fast 8,8 Millionen Menschen haben dieses mit einer Drohne gefilmte Video bereits gesehen. Es fasziniert und weckt den Wunsch nach einem vergleichbaren Naturerlebnis.

Beste Alternative zum Walfang

„Wer jemals Delfine oder sogar Großwale in freier Wildbahn – in unmittelbarer Nähe – erleben durfte, ist ergriffen. Das ist ein intensives Lebensgefühl, ein großartiges Naturerlebnis“, sagt Thilo Maack, Meeresbiologe bei Greenpeace. Per Boot, Helikopter oder zu Fuß kann man auf Wal-Safari gehen und mit ein bisschen Glück gigantische Meeressäuger in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten. Über 13 Millionen Menschen unternehmen jährlich weltweit solche Whale-Watching-Touren.

Aber: Kann Whale Watching den Tieren schaden? „Durch die Nähe der Menschen und Boote kann es zu Verhaltensänderungen kommen”, sagt Maack, „die Tiere ändern ihre Schwimmrichtung oder Tauchfrequenz. Man sieht, dass sie unter Stress stehen.“ Dadurch seien sie anfälliger für Krankheiten und bekämen weniger Nachwuchs. Und auch der Schiffslärm an sich sei gefährlich.

Zeigt sein Hinterteil: Dieser Grönlandwal holt zum Abtauchen aus

Foto: Getty Images

„Wie für uns Menschen die Welt aus Bildern besteht, besteht die Welt für die Wale aus Tönen“, so Thilo Maack. Deshalb habe der Lärm, der durch Schiffsschrauben unter Wasser entsteht „extrem negative Konsequenzen.“ Die Tiere würden dadurch in ihrer Kommunikation untereinander gestört. Trotzdem betont der Meeresbiologe: „Greenpeace ist nicht gegen Whale Watching: Da gibt es so viele positive Auswirkungen – und es ist die allerbeste Alternative zum Walfang.“

Wirtschaftlich „Der Hammer”

In den vergangenen Jahrhunderten durchbohrten Hunderttausende Harpunen die Körper von Meeressäugern. Massenhaft schlachteten die Menschen Wale ab – und versprachen sich davon das große Geld. Walfett diente der Erzeugung von Tran als Brennmaterial für Lampen, das Fleisch galt als Delikatesse in fernöstlichen Kochtöpfen. Die Folge: Einige Wale sind inzwischen fast ausgestorben.

Heute jagen noch einige wenige Länder – wie Island, Norwegen und Japan – die bedrohten Meeressäuger. Biologe Thilo Maack bezeichnet diese Praxis aber als „Minusgeschäft sondergleichen“. Es ginge diesen Ländern um die Aufrechterhaltung von Traditionen und um Rebellion gegen Auflagen des Westens. Finanzielle Gründe für den Fang gäbe es kaum. Denn der wirtschaftliche Aspekt des Whale Watchings sei dagegen einfach „der Hammer“, so Maack. „Gerade bei den noch Walfang betreibenden Ländern zeigt sich, dass die Whale-Watching-Industrie ein Vielfaches dessen einnimmt, was der Walfang abwirft.“

Die Geduld hat sich ausgezahlt: Direkt vor dem Boot erscheint die mächtige Schwanzflosse eines Blauwals

Foto: dpa picture alliance

Beispiel Island: Hier soll der Walfang laut WWF insgesamt nur rund vier Millionen Euro einbringen, während der Walbeobachtungstourismus jährlich rund 24,2 Millionen US-Dollar in die Kassen spült – das ist das Sechsfache. Daher seien in den Walfang betreibenden Ländern positive Tendenzen zu erkennen. „In Japan gibt es beispielsweise ehemalige Walfänger, die heute Whale-Watching-Touren anbieten und das zeigt, dass es eine Alternative ist, die auch für die Betreiber ökonomisch sinnvoll ist,“ so Thilo Maack.

Jährlich werden mit Walbeobachtungen weltweit rund 2,1 Milliarden US-Dollar (rund 742 Millionen Euro) eingenommen. Naturschützer schlagen also keinesfalls Alarm. „Aber man muss Whale Watching eben auf eine Art und Weise tun, in der man die Wale nicht gefährdet,“ sagt Thilo Maack. Der WWF nennt das „die sanfte Nutzung von Walen.“

Schwarze Schafe unter Bootsbetreibern

„Als Faustformel kann man sagen: Es sollten immer die Tiere sein, die den Kontakt mit dem Menschen bestimmen, nicht umgekehrt. Der Wal soll entscheiden dürfen, ob er Nähe zu Menschen und Boot zulässt, wie dicht er ran kommt und wie lange er bleibt,“ so Greenpeace-Experte Maack. Schließlich dringe man als Mensch in den Lebensraum der Wale ein.

Aber mittlerweile habe sich auch eine Art „Ehrenkodex für Walbeobachtungen“ entwickelt – Mindestabstände, die Geschwindigkeiten der Boote und eine maximale Anzahl von Anbietern werden häufig regional geregelt. Auf den Kanaren erkenne man lizensierte Betreiber beispielsweise an einer gelben Flagge, so Thilo Maack: „Nach solchen Anbietern sollte man als Tourist Ausschau halten.“

Braust durchs Wasser: ein Brydewal nahe der südafrikanischen Stadt Durben inmitten eines Fischschwarms

Foto: Getty Images

Zudem werben seriöse Whale Watcher häufig damit, dass sie mit einer Forschungsinstitution zusammen arbeiten oder sogar ein Wissenschaftler mit an Bord ist. Andererseits sollte man vorsichtig sein, wenn gleichzeitig eine Alkohol-Flatrate oder eine Band an Bord auf dem Angebot stehen. Und: „Anbieter, die Schwimmen mit Delfinen oder Sichtung garantieren, sollten kritisch hinterfragt werden“, rät der Meeresbiologe. Diese seien meist unseriös und beachten das Wohl der Tiere nicht, manche fahren den Walen mit Fullspeed hinterher.

Lesen Sie hierzu auch den Kasten rechts über die Whale-Watching-Regeln

 

Praktische Tipps für die Wal-Safari

„Um Wale tatsächlich zu sehen, muss man auch ein bisschen was dafür tun: eine kleine Wanderung unternehmen, mit einem Fernglas die Wasseroberfläche absuchen,” verrät Thilo Maack, „man muss ein bisschen Zeit mitbringen.“ Zur Ausrüstung eines Walbeobachters gehört neben wetterbedingter Kleidung wie Regen- oder Sonnenschutz auch ein Fernglas und für Fotografen eine Kamera. Und dann gilt: Abwarten – Ruhe ist nämlich eine wichtige Grundvoraussetzung für das Beobachten von Tieren.

Aber ob zu Fuß von Land aus, in einem Boot auf dem Wasser oder in einem Helikopter aus der Luft aus – wenn eine dieser gewaltigen Schwanzflossen plötzlich aus dem Ozean ragt oder man den Blas eines Meeresgiganten erspäht, wird die Geduld mit einem atemberaubenden Erlebnis belohnt. An Bord eines kleinen Bootes könnte die Größe eines Wals zwar auch schon mal überraschen. Wichtig ist dann, nicht in Panik zu geraten, sondern sich zuückzulehnen, zu beobachten und zu genießen.

Die Vögel verraten es: Hier tauchen gleich drei Buckelwale auf. An der US-Küste nahe Boston wurden im Frühjahr erstaunlich viele Wale gesichtet

Foto: dpa picture alliance

Wo Wale wohnen und wandern

Aber wo kann man weltweit am besten Wale beobachten? „Letztendlich kann man überall auf dem Planeten Whale Watching betreiben“, sagt Meeresbiologe Maack. Die USA (4,9 Millionen Whale Watcher im Jahr), Australien (1,6 Millionen) und Kanada (knapp 1,2 Millionen) locken jährlich am meisten Touristen zu Walbeobachtungen ins Land. Aber auch Südafrika (567.400) und Neuseeland (546.400) sind weltberühmt für ihre Whale-Watching-Spots. Entlang der Wildcoast in Südafrika kann man bei einer Wanderung beinahe das ganze Jahr über von Land aus Wale beobachten. 

In Europa sind die Kanarischen Inseln (611.000 Besucher), die portugiesischen Inseln der Azoren, das Festland und Madeira (gesamt: 158.300) und die nördlichen Gebiete um Island (114.500), Irland (116.800) und Schottland (223.900) beliebte Ziele für Walbeobachter. Rund 45.500 Hartgesottene tun sich jährlich die Minusgrade der Antarktis an, um einzigartige Einblicke in die Natur der nördlichen Hemisphäre zu erlangen: Pinguine, Robben und die meisten Großwale können auf Expeditionen beobachtet werden.

Aber: Wer sich schon mit Kleinwalen wie Delfinen oder den einzigen in Deutschland heimischen Walen, den Schweinswalen, zufrieden gibt, braucht gar nicht so weit zu verreisen: Zwischen Juni und September kommen die Mutter-Kind-Paare häufig ganz dicht an die Küste vor Sylt heran. „Es gibt auch immer wieder friedliche Begegnungen von Schwimmern und Schweinswalen in der Nordsee,“ sagt Meeresbiologe Thilo Maack. Und für friedliche Begegnungen von Whale-Watchern und Tieren wird er sich auch in Zukunft einsetzen. 

Einen Überblick über die Whale-Watching-Destinationen und -Spots der Welt gibt unsere Karte, die Tabelle rechts verrät zudem, zu welchen Zeiten Sie welche Wale beobachten können.

Ein Orca-Weibchen und ihr Kalb treiben bei Vancouver (Kanada) im Wasser

Foto: dpa picture alliance

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Fünf ganz besondere Klein-Wale

Whale -Watching-Regeln

  1. Sich Walen oder Delfinen nie direkt von vorne oder hinten nähern.
  2. Eine Gruppe von Walen oder Delfinen darf nicht durchfahren oder getrennt werden.
  3. Nicht näher als 100 Meter an die Tiere heran fahren.
  4. Keine plötzlichen Geschwindigkeits- oder Richtungswechsel.
  5. Lärm vermeiden. 
  6. Nicht versuchen, die Tiere zu streicheln.
  7. Füttern ist verboten.
  8. Wegwerfen von Abfall ist verboten. 

*Quelle: WWF.

Anfassen verboten? Wenn ein Wal so nah an das Boot herankommt wie dieser Grauwal, lässt sich eine Berührung kaum vermeiden – da siegt die Neugierde auf beiden Seiten

Foto: dpa picture alliance

Die Beste Zeit für Walbeobachtungen

Land Beste Reisezeit Häufigste Walarten
Deutschland (Sylt) Spätsommer
bis Frühjahr
Schweinswal
Portugal Mai bis Oktober (Azoren)
Ganzjährig (Madeira)
Pottwal, Grindwal, Blauwal, Seiwal, Brydewal, Finnwal
Kanarische Inseln
(Teneriffa,
La Gomera)
Ganzjährig Grindwal, Brydewal
Irland Juli bis November Zwergwal, Finnwal, Buckelwal
Schottland Juni bis September Zwergwal, Schweinswal, Buckelwal, Orca
Island Sommer und Frühherbst Blauwal, Finnwal, Orca, Zwergwal, Buckelwal, Pottwal, Grindwal
Norwegen (Lofoten, Vesterålen) Juni bis September Zwergwal, Orca, Pottwal, Finnwal, Schweinswal
USA Dezember bis Mai (Kalifornien)
April bis Oktober (Neuenglandstaaten)
Mai bis September (Alaska)
Dezember bis März (Florida)
Grauwal, Buckelwal, Blauwal, Schweinswal, Finnwal, Zwergwal, Orca
Kanada Dezember bis April
(British Columbia) Juni bis August
(Manitoba)
Grauwal, Orca, Zwergwal, Buckelwal, Schweinswal, Blauwal, Finnwal, Pottwal. Beluga (Manitoba)
Australien Juni bis Oktober
(Ostküste)
August bis November
(Hervey Bay)
Juli bis September
(Südküste)
November bis März
(Monkey Mia)
Buckelwal, Zwergwal, Finnwal, Pottwal, Orca, Grindwal
Neuseeland Ganzjährig (Südinsel) Orca, Zwergwal, Brydewal, Finnwal, Buckelwal, Pottwal
Südafrika Mai bis
Dezember
Glattwal, Buckelwal, Brydewal, Orca

Das meistgesehene Whale-Watching-YouTube-Video

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