Bloß nicht nach unten gucken!

Der gefährlichste Radweg der Welt

Sedona in Arizona ist bekannt als Zentrum der New-Age-Bewegung, denn die roten Gesteinsformationen in der Nähe der Stadt, die Red Rocks, sollen spirituelle Kräfte besitzen. Fahrradfahrern, die sich hier auf die White Line begeben, kann man nur wünschen, dass das stimmt. Und dass sie am besten noch die Gesetze der Erdanziehung außer Kraft setzen, denn auf dem gefährlichsten Radweg der Welt kann man jederzeit leicht in die Tiefe stürzen.

Wer nach Sedona in Arizona kommt, lenkt seinen Blick eher nach oben als nach unten. Sei es, um den fantastischen Sternenhimmel zu bewundern, für den die Region berühmt ist. Sei es, um am Fuß der bizarren Felsformationen den Blick über das rote Gestein hochwandern zu lassen. Oder vielleicht, weil man im Reiseführer von der Sedona-Methode gelesen hat, mit der man mittels einfacher Fragen an sich selbst negative Gefühle schnell loswerden und hernach wieder erhobenen Hauptes durchs Leben gehen kann.

Nach unten zu schauen, sollte auch der Mountainbiker vermeiden, der sich auf den White Line Trail begibt, der sich nahezu vertikal um die Red Rocks schlängelt – als würde man versuchen, eine Hauswand hochzuradeln. Jederzeit könnte man abrutschen. Als gefährlichster Radweg der Welt gilt die White Line, und man muss sich nur eins der Videos von dort anschauen, um dem nicht widersprechen zu wollen.

Etwa das, welches jetzt im Netz für Furore sorgt. Es zeigt den polnischen Extrem-Mountainbiker Michal Kollbek, der beim Bezwingen des Berges von einer Drohne gefilmt wurde:

Bevor sich der 30-Jährige auf das Rad schwang, so berichtete er der „Huffington Post“, musste er die Strecke mehrmals ablaufen und ein paar Nächte darüber schlafen. Dann war er so weit, durchzuziehen, was er sich Jahre zuvor vorgenommen hatte, als er zum ersten Mal von dem Trail erfahren hat: Erst ließ er etwas Luft aus den Reifen, damit die Räder mehr Halt am Berg haben, schraubte den Sattel höher und passte die Federung an. Der Rest, so sagt er, war reine Kopfsache.

„Ich vertraute meinen Fähigkeiten und wusste, ich würde es schaffen. Der Trick war, alle schrecklichen Gedanken über die potentiellen Gefahren auszublenden und sich nur auf den Weg zu konzentrieren statt auf die Furcht einflößende Umgebung um mich herum.“ Nein, für jedermann sei die Strecke keineswegs geeignet, sagt Kollbek. Unerfahrene Mountainbiker sollten es auf keinen Fall versuchen.

Ebenfalls beeindruckend ist das Video, das die Mountainbiker Jess Pedersen, Lear Miller und John Hauer auf dem White Trail zeigt. Gefilmt wurde direkt am Rad und somit immer auch – direkt am Rand:

Doch man muss nicht auf halsbrecherische Radtouren gehen, um in Sedona etwas zu erleben. Die Naturschönheiten lassen sich auch auf Wanderungen erkunden, etwa am Bell Rock oder Oak Creek Canyon, diese können es – je nach Schwierigkeitsgrad – ebenfalls in sich haben. Und am besten kommt man des Nachts wieder, wenn die Sterne funkeln und Hobby-Fotografen ihre Stative aufstellen. Das sieht dann nämlich in etwa so aus:

Sternenhimmel über den Red Rocks

Foto: Getty Images

Klar, dass man spätestens bei einem solchen Anblick überzeugt davon ist, dass von diesem Ort eine besondere Magie ausgeht, hier ganz eigene, spirituelle Kräfte walten. Und so zog Sedona stets Künstler an (die ersten waren 1946 Dorothea Tanning und Max Ernst) und Esoteriker, wurde zum Zentrum der New-Age-Bewegung und zur Heimat von gut 100 Galerien. Touristen kommen natürlich sowieso: Zwei bis drei Millionen Besucher zählt Sedona jährlich. 

Dass die Berge besondere Fähigkeiten haben, möchte man zumindest jedem Fahrradfahrer wünschen, der sich auf die White Line begibt. Und dass sie nicht nur über gewaltige Anziehungskräfte verfügen, sondern am besten gleich noch die Gesetze der Erdanziehung außer Kraft setzen.

Weitere Impressionen aus Sedona und Arizona hier in der Bildergalerie:

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