Masse statt Klasse

Die bittere Wahrheit über argentinisches Rindfleisch

Argentinisches Rindfleisch gilt vielen immer noch als das beste weltweit, Südamerika-Reise schwärmen davon – doch in Wahrheit ist die auch hierzulande äußerst beliebte Köstlichkeit schwer angeschlagen. TRAVELBOOK ließ sich von einem Ernährungs-Experten erklären, warum das so ist.

Eine Weltmarke befindet sich im Sinkflug, oder besser: im freien Fall. Die Rede ist von argentinischem – aber auch brasilianischem – Rindfleisch und seiner immer stärker schwindenden Qualität. Denn wo früher riesige Rinderherden frei in den Pampas, also den Gras- und Steppenlandschaften Argentiniens weideten, herrschen heute Massentierhaltung und Aufzucht mit genmanipuliertem Futter und künstlichen Wachstumshormonen vor – mit der Konsequenz, dass das Fleisch, von dem so viele Südamerika-Reisende immer schwärmen und welches auch hierzulande in vielen Restaurants als Spezialität serviert wird, nicht mehr seinem einstigen Ruf gerecht wird. 

Die Ursache für dieses Drama, das schon zahllose argentinische Rancher und Kleinbauern in den Ruin getrieben hat, findet sich in der weltweit gestiegenen Nachfrage nach Sojabohnen. Laut einem Bericht des WWF ist die globale Soja-Produktion in den vergangenen 50 Jahren von 27 Millionen auf 269 Millionen Tonnen pro Jahr gestiegen. Allein in Südamerika sei zwischen 1996 und 2004 ein Wachstum von 123 Prozent in der Soja-Industrie zu beobachten gewesen.

Argentinische Rinder in sogenannten Feedlots:

Gemeinsam mit Brasilien, USA, China, Indien und Paraguay gehört Argentinien zu den sechs weltweit größten Soja-Produzenten. Zwischen 1990 und 2010 wuchsen die Anbauflächen für Soja in Südamerika von 17 Millionen auf 46 Millionen Hektar an – Flächen, die früher auch verwendet wurden, um die weltberühmten argentinischen Rinder auf natürliche Weise großzuziehen, und die nun fehlen.

Auf Massenbetrieb umgestellt: Die neue argentinische Rinderwirtschaft zielt nur noch auf schnellen Profit ab. Die Qualität bleibt dabei auf der Strecke.

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In einer unabhängigen Analyse kommen die Autoren J.C. Guevara und E.G. Grünwaldt zu noch schockierenderen Zahlen: So habe sich die Anbaufläche für Sojabohnen in Argentinien von 40.000 Hektar zu Beginn der 1970er-Jahre auf unfassbare 18 Millionen Hektar Ertragsfläche in der Erntesaison 2009/10 vervielfacht. Um es einfach zu sagen: Den argentinischen Rindern gehen langsam, aber sicher die Flächen zum Grasen aus. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Nachfrage nach argentinischem Rindfleisch heute höher ist denn je.

Frei weidende Rinder: Dieser Anblick gehört in Argentinien leider größtenteils der Vergangenheit an

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„Deutlicher Geschmacksverlust“

Dr. Wilfried Bommert vom Institut für Welternährung erklärt TRAVELBOOK die Folgen: „Heute wird der größte Teil der Rinder in Feedlots mit Korn, Soja und Wachstumshormonen gemästet, und dies in kürzester Zeit. Das Resultat ist ein deutlicher Geschmacksverlust.“ Es mag durchaus sein, dass viele Restaurantbesucher und Konsumenten diesen Unterschied ignorieren, auch weil das Image des Fleisches bislang so gut war.

Der Experte gibt zu bedenken, dass vor Beginn der 1990er-Jahre Rinder zum Teil noch mehr als fünf Jahre auf natürliche Weise auf den Pampas aufgezogen wurden – heute betrage die Zeitspanne für die „Turbomast“ gerade einmal sechs Monate.

„Die Rinder kommen mit 12 bis 16 Monaten in die Feedlots, also Boxensysteme, in denen je bis zu 50 Tiere auf engem Raum gehalten werden“, so Bommert weiter. „Jedes kommt mit etwa 300 Kilo Gewicht hier an und soll pro Tag 1,6 Kilo zunehmen. Nach sechs Monaten Mast werden die Tiere mit 600 Kilo Gewicht an die Schlachthöfe geliefert.“

Die frei lebenden Rinderherden Argentiniens könnten bald der Vergangenheit angehören, wenn die Produktion der Sojabohne und von Getreide weiterhin Weideflächen auffrisst

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Trotz solch erschütternder Fakten ist die Nachfrage nach Fleisch im Allgemeinen ungebrochen, wie der „Fleischatlas“, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung und der Umweltschutzorganisation BUND, belegt: Demnach sei bis Mitte des Jahrhunderts eine Steigerung in der weltweiten Produktion auf 470 Millionen Tonnen zu erwarten – jährlich wohlgemerkt, das wären noch einmal 150 Millionen Tonnen mehr als heute schon.

Damit verbunden ist natürlich zwangsläufig auch ein weiterer drastischer Anstieg des Bedarfs an Anbauflächen für Futtermittel, wie eben der Sojabohne. Schon heute würden bis zu 70 Prozent aller weltweiten Agrarflächen von der Tierfutterproduktion beansprucht, so die Studie weiter. Experte Bommert beklagt, dass in Argentinien heute daher mehr als 90 Prozent der Endmast in Feedlots mittels Soja und Getreide, besonders Mais, betrieben werde – mit katastrophalen Folgen für Tiere und Umwelt: „Durch die Haltung in großen Beständen von teilweise mehreren tausend Tieren besteht die akute Gefahr von Erkrankungen mit E-Coli-Bakterien. Durch das erhöhte Anfallen von Mist und Gülle besteht auch eine Gefahr für die Umwelt, im Besonderen für das Trinkwasser.“

Masse statt Klasse: Das in Argentinien hergestellte Rindfleisch könnte international bald an Bedeutung zu verlieren

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„Verlust geschmacklicher Substanz“

Der Verbraucher merke diesen Qualitätsverlust an Wassereinlagerungen im Fleisch, sowie dem Verlust geschmacklicher Substanz. Im Übrigen sind uns all diese Probleme näher, als wir vielleicht denken, denn Deutschland ist laut dem Portal „Global Meat News“ weltweiter Haupt-Importeur für argentinisches Rindfleisch: Alleine 2011 importierte man mehr als 25.000 Tonnen der vermeintlichen Köstlichkeit. 2013 wurden in Deutschland in den gewerblichen Schlachtbetrieben 8,1 Millionen Tonnen Fleisch produziert – gefüttert wurden die Tiere vorher oft mit aus Argentinien bzw. Brasilien importiertem Kraftfutter.

Dies offenbart ein weiteres Drama und ist eine der Erklärungen dafür, dass der Sojaboom weltweit so viele Weideflächen vernichtet hat: Mit der Pflanze lässt sich einfach schneller mehr Geld verdienen als mit jahrelanger Aufzucht von Rindern. Die Leidtragenden sind am Ende, vom Leid der Tiere mal ganz abgesehen, die Verbraucher: In der Studie des WWF zu dem Thema heißt es: „Zwar konnte [...] die Fleischproduktion erhöht werden, und die Erzeugerländer und Handelspartner zogen wirtschaftlichen Nutzen aus dieser Expansion, doch die Umwandlung natürlicher Ökosysteme in Ackerflächen kommt uns teuer zu stehen.“

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